Die Chatten
Die Lage von Mattium - Hauptort der Chatten
Tacitus äußert sich in seiner Gemania folgendermaßen zum Stammesgebiet der
Chatten: "Nicht zu den Völkerschaften Germaniens möchte ich die Leute rechnen,
die das Dekumatenland bebauen, wenn sie sich auch jenseits von Rhein und Donau
angesiedelt haben; gallisches Gesindel und aus Not Verwegene eigneten sich den
umstrittenen Boden an. Bald darauf wurden der Grenzwall angelegt und die Wachen
vorgeschoben; seither gilt das Gebiet als Vorland des Reiches und Teil der
Provinz. Weiter nördlich beginnt mit dem herkynischen Walde das Land der
Chatten; sie wohnen nicht in so flachen und sumpfigen Gebieten wie die übrigen
Stämme, die das weite Germanien aufnimmt. Denn die Hügel dauern an und werden
erst allmählich seltener, und so begleitet der herkynische Wald seine Chatten
und endet mit ihnen." Die Chatten sind also laut Tacitus nördlich des Limes im herkynischen Walde
anzusiedeln, der oftmals mit der Rhön und anderen Mittelgebirgen gleichgesetzt
wird. Dort, wo die Mittelgebirge enden und die norddeutsche Tiefebene beginnt,
ist zweifellos nicht mehr das Gebiet der Chatten. An chattischen Ortsnamen sind
nur Mattium und der Fluss Adrana erhalten. So berichtet Tacitus in seinen
Annalen vom Feldzug des Germanicus, "dass alles durch Alter oder Geschlecht
wehrlose Volk stehenden Fußes gefangen oder niedergemacht wurde. Die
Wehrmannschaft war über die Adrana geschwommen und widersetzte sich den Römern,
die begannen eine Brücke zu bauen. Dann mit Wurfgeschütz und Pfeilschüssen
verjagt, versuchten sie vergebens zu verhandeln, und nachdem einige zu
Germanicus herüber geflohen waren, gaben die anderen ihre Gaue und Dörfer preis
und zerstreuten sich in die Wälder. Germanicus steckte Mattium, den Hauptort des
Volksstammes, in Brand und verheerte das flache Land und kehrte nach dem Rhein."
Das populärste und wohl gleichzeitig auch umstrittenste Thema der nordhessischen
Frühgeschichte ist wohl die Lage Mattiums beziehungsweise die Frage, welche
Stadt oder welches Dorf heute auf den Trümmern Mattiums steht. So wurde Mattium
schon bei Franken und Wetter an der Wohra vermutet. Auch Marburg wurde schon von
eifrigen Volksetymologen als Mattium auserkoren. 1697 unter Landgraf Karl
behauptete Winkelmann in seiner Beschreibung des Fürstentums Hessen, dass alte
Mattium sei in Metze zu finden. Freilich sei hier erwähnt, dass Landgraf Karl
nur allzu gern versuchte, eine Vormachtstellung von Hessen-Kassel unter den
Nachfolgestaaten der alten Landgrafschaft Hessen historisch zu begründen. Andere
behaupteten wiederum die Wüstung des alten Mattium läge zwischen Ober- und
Niedervorschütz, wobei diese beider Dörfer als Warten, also als Vorposten,
gedacht waren. Jenes Mattium sei dann bekanntlich durch Germinicus zerstört,
doch die Überlebenden hätten an Ort und Stelle des heutigen Metze eine neue
Siedlung errichtet. Lange Zeit dachte man auch, Maden sei die Nachfolgesiedlung
von Mattium. Hierfür sprach neben der lautlichen Ähnlichkeit die lange Tradition
Madens als Gerichtsstätte. Genauere sprachwissenschaftliche Untersuchungen
ergaben jedoch, dass unter Berücksichtigung der Lautverschiebungen aus Mattium
allein ein Metze geworden sein kann, wenn gleich bis auf den heutigen Tag keine
archäologischen Beweise aufgebracht werden konnten.
Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts wurde bei Niedenstein die Altenburg entdeckt, eine gewaltig
befestigte Höhesiedlung. Nun meinten alle, die Altenburg sei die Ruine Mattiums,
doch schied auch sie nach Untersuchungen mit der C-14-Methode aus, da die
Altenburg offensichtlich noch aus der Keltenzeit stammte. Nun sahen sich wieder
die Metzer als legitime Hauptstadtbewohner, doch sei gesagt, dass Ableitungen
von Ortsnamen her nur geringe Aussagekraft haben, da Dörfer nur geringe
Kontinuität aufweisen. Daher leiten die Forscher Mattium auch vom kleinen Bach
Matzoff ab, denn die Namen der meisten Bäche und Flüsse haben sich seit den
Kelten kaum verändert. Nun behaupten doch ernsthafte Wissenschaftler Metze liege
an der Matzoff, was freilich gänzlich falsch ist, denn bekanntermaßen heißt
jener Bach in Metze Rhein und wird erst in Kirchberg zur Matzoff. Was liegt
daher näher als die Idee, Kirchberg sei das alte Mattium, denn der Name
Kirchberg entstand freilich erst in christlicher Zeit und verdrängte eine
vorherigen heidnischen, ja chattischen Namen. Allerdings meinen andere wiederum,
die die Altenburg oder Metze für Mattium halten, den Wartberg zwischen Gleichen
und Kirchberg lediglich für eine Warte, also einen Vorposten, Mattiums. Freilich
wird dies durch das kostbar ausgeschmückte frühmittelalterliche Grab, welches
direkt auf dem Kirchberg unter der Kirche gefunden wurde, bestätigt. Ansonsten
rühmt sich noch Fritzlar damit, dass die ältesten Fundschichten der Büraburg
wohl noch aus spätchattischer Zeit stammen und diese Gauburg wohl die
Nachfolgerin des zerstörten Mattium sei. Allein der kleine Ort Geismar behauptet
nicht, dortige Ausgrabungen hätten das alte Mattium entdeck, denn freilich wurde
diese Siedlung nie zerstört und Geismar hat bekanntlich schon einen anderen
Platz in der Stammesgeschichte gefunden. Bei der Problematik Mattium sollten aber auch die Mattiaker noch einmal erwähnt
werden. Die lautliche Ähnlichkeit mit Mattium ist offensichtlich und die
Mattiaker werden als Teilstamm der Chatten angesehen. So kommt zwangsläufig der
Gedanke, es müsse doch einen Zusammenhang geben. Mattium liegt nach Tacitus
nördlich der Adrana. Die Adrana wird meistens mit der Eder gleichgesetzt, eine
Tradition ganz im Sinne von Landgraf Karl. Mit Verweis auf eine eventuelle
griechische Herkunft des Namens Adrana, wird die Adrana jedoch auch mit der Lahn
gleichgesetzt, denn sie entspräche im Gegensatz zur Eder der Vokabel Adrana, die
ein gemächlich fließendes Gewässer bezeichnet. Die Lahn ist den Mattiakern schon
deutlich näher und auch dort findet sich ein Metzerbach, der ebenfalls
sprachhistorische Rückleitungen auf Mattium zulässt.
Über die Mattiaker
berichtet Tacitus in der Germania folgendes:
"Die Ehre und Auszeichnung alter Bundesgenossenschaft hat bis heute Bestand;
denn kein Zins demütigt sie, und kein Steuerpächter presst sie aus. Frei von
Lasten und Abgaben und einzig Kampfzwecken vorbehalten, werden sie wie Wehr und
Waffen für Kriege aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht der Stamm der
Mattiaker. Denn die Hoheit des römischen Volkes hat sich auch jenseits des
Rheines und jenseits der alten Reichsgrenzen Achtung verschafft. So haben sie
Gebiet und Wohnsitz auf germanischer Seite, doch Herz und Gesinnung bei uns. Im
Übrigen gleichen sie den Batavern, nur dass Bodenbeschaffenheit und Klima ihres
Landes sie mit noch größerer Lebhaftigkeit begabt haben."
Die Mattiaker bewohnen also das germanische Gebiet östlich des Rheines, also das
Gebiet um das heutige Wiesbaden. Direkt gegenüber von Mogontiacum, dem heutigen
Mainz, lage die Siedlung Aquae Mattiacae. Daher wurde Mattium auch schon in
Wiesbaden vermutet. Hinzu kommt noch ein Mattíkón in den Berichten des
Ptolemaios, dessen Lage allerdings so vage beschrieben ist, dass es nahezu
überall im heutigen Hessen liegen könnte. Unklar ist auch, ob es mit Mattium
oder den Aquae Mattiacae identisch ist. Den Namen Mattiaker versucht man häufig
mit "die Leute aus Mattium" zu übersetzten. Wenn man allerdings Mattium in
Nordhessen und die Mattiaker in Südhessen lokalisiert, so entdeckt man schnell
das Problem einer großen Lücke. Manche meinen nun Mattium und die Mattiaker
seien beide nach einem nicht überlieferten Fürsten namens Mattius benannt, doch
löst sich so das geographische Problem nicht. Andere vermuten in den Mattiakern
selbst ein Fürstengeschlecht mit Mattium als Hauptort. Dies sei das neue
Herrschgeschlecht, nachdem die Bataver abgesetzt worden wären, wie Tacitus in
der Germania berichtet:
"Von allen diesen Stämmen sind die Bataver am tapfersten. Sie bewohnen einen
Streifen am linken Ufer und in der Hauptsache die Rheininsel. Ursprünglich ein
Zweig der Chatten, zogen sie wegen inneren Zwistes in die jetzigen Wohnsitze, wo
sie dem römischen Reiche einverleibt werden sollten."
Nun heißt es weiterhin, dass sich Mattiaker und Bataver nicht nur in ihrem
Bündnis mit Rom sehr ähnlich sehen. So denkt man schnell, dass Bataver und
Mattiaker einen Ursprung haben müssten. Die Bataver jedoch siedelten direkt an
den Mündungen des Rheins, also weit entfernt von Chatten und Mattiakern. Doch
denke man sich nun die Chattvaren hinzu. Chattvari bedeutet Männer der Chatten.
Sie sind ein Teilstamm der Marser und siedeln zwischen Rhein, Ruhr und Lippe.
Marser und Chatten standen in der Varus-Schlacht als Verbündete beieinander und
es sind keine Streitereien und Gegensätze dieser Völker bekannt. Fügt man nun
die Gebiete der Bataver, Marser, Chatten und Mattiaker zusammen, so erhält man
ein geschlossenes Siedlungsgebiet, deren Ausgangspunkt wohl das Gebiet der
Chattvaren war. Was allerdings Mattium war, ist ebenfalls unklar. Die Bezeichnung Hauptort sagt
nur, dass es besonders wichtig gewesen ist. Man darf sich Mattium jedoch
keineswegs als größere, städtische Siedlung vorstellen, denn Städte waren bei
den frühen Germanen nicht vertreten. So denken manche, es handle sich bei
Mattium um den Sitz eines Fürsten oder Herzogs. Andere wiederum denken an ein
Stammesheiligtum und verweisen auf den chattischen Priester Libes, der im
Feldzug des Germanicus, auf dem auch Mattium zerstört wurde, gefangen gesetzt
wurde. Wieder andere meinen Mattium wäre kein Ort sondern ein größerer Bezirk,
in dem sich gleichermaßen Heiligtümer, Fürstensitze und so weiter befänden, doch
von Mattium wird eindeutig gesagt, dass es in Brand gesteckt wurde, was man sich
eigentlich nur bei Siedlungen und Häusern vorstellen kann. So ist letztendlich
zu sagen, dass bezüglich der Lage und Natur Mattiums nahezu alles im Dunkeln
liegt.
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