Die Chatten
Tacitus über die Chatten und ihre Nachbarstämme
"Von allen diesen Stämmen sind die Bataver am tapfersten. Sie bewohnen einen
Streifen am linken Ufer und in der Hauptsache die Rheininsel. Ursprünglich ein
Zweig der Chatten, zogen sie wegen inneren Zwistes in die jetzigen Wohnsitze, wo
sie dem römischen Reiche einverleibt werden sollten. Die Ehre und Auszeichnung
alter Bundesgenossenschaft hat bis heute Bestand; denn kein Zins demütigt sie,
und kein Steuerpächter presst sie aus. Frei von Lasten und Abgaben und einzig
Kampfzwecken vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen für Kriege aufgespart.
In gleicher Abhängigkeit steht der Stamm der Mattiaker. Denn die Hoheit des
römischen Volkes hat sich auch jenseits des Rheines und jenseits der alten
Reichsgrenzen Achtung verschafft. So haben sie Gebiet und Wohnsitz auf
germanischer Seite, doch Herz und Gesinnung bei uns. Im Übrigen gleichen sie den
Batavern, nur dass Bodenbeschaffenheit und Klima ihres Landes sie mit noch
größerer Lebhaftigkeit begabt haben. Nicht zu den Völkerschaften Germaniens
möchte ich die Leute rechnen, die das Zehntland bebauen, wenn sie sich auch
jenseits von Rhein und Donau angesiedelt haben; gallisches Gesindel und aus Not
Verwegene eigneten sich den umstrittenen Boden an. Bald darauf wurden der
Grenzwall angelegt und die Wachen vorgeschoben; seither gilt das Gebiet als
Vorland des Reiches und Teil der Provinz.
Weiter nördlich beginnt mit dem herkynischen Walde das Land der Chatten; sie
wohnen nicht in so flachen und sumpfigen Gebieten wie die übrigen Stämme, die
das weite Germanien aufnimmt. Denn die Hügel dauern an und werden erst
allmählich seltener, und so begleitet der herkynische Wald seine Chatten und
endet mit ihnen. Bei diesem Volk sind kräftiger die Gestalten, sehnig die
Glieder, durchdringend der Blick und größer die geistige Regsamkeit. Für
Germanen zeigen sie viel Umsicht und Geschick: sie stellen Männer ihrer Wahl an
die Spitze, gehorchen den Vorgesetzten, kennen Reih und Glied, nehmen günstige
Umstände wahr, verschieben einmal einen Angriff, teilen sich ein für den Tag,
verschanzen sich für die Nacht; das Glück halten sie für unbeständig und nur die
eigene Tapferkeit für beständig. Und was überaus selten und sonst allein
römischer Kriegszucht möglich ist: sie geben mehr auf die Führung als auf das
Heer. Ihre Stärke liegt ganz beim Fußvolk, dem sie nicht nur Waffen, sondern
auch Schanzzeug und Verpflegung aufbürden; andere sieht man in die Schlacht
ziehen, die Chatten in den Krieg. Selten kommt es zu Streifzügen und nicht
geplantem Kampf. Es ist ja auch die Art berittener Streitkräfte, rasch den Sieg
zu erringen und rasch wieder zu entweichen; doch Schnelligkeit grenzt an Furcht,
Zögern kommt standhaftem Mute näher.
Ein Brauch, der auch bei anderen germanischen Stämmen vorkommt, jedoch selten
und als Beweis vereinzelten Wagemuts, ist bei den Chatten allgemein üblich
geworden: mit dem Eintritt in das Mannesalter lassen sie Haupthaar und Bart
wachsen, und erst, wenn sie einen Feind erschlagen haben, beseitigen sie diesen
der Tapferkeit geweihten und verpfändeten Zustand ihres Gesichtes. Über dem Blut
und der Waffenbeute enthüllen sie ihre Stirn und glauben, erst jetzt die Schuld
ihres Daseins entrichtet zu haben und des Vaterlandes sowie ihrer Eltern würdig
zu sein. Die Feigen und Kriegsscheuen behalten ihren Wust. Die Tapfersten tragen
überdies einen eisernen Ring - sonst eine Schande bei diesem Stamme - wie eine
Fessel, bis sie sich durch Tötung eines Feindes davon befreien. Vielen Chatten
gefällt dieses Aussehen, und sie werden grau mit ihren Kennzeichen, von Freund
und Feind gleichermaßen beachtet. Sie eröffnen jeden Kampf; sie sind stets das
vorderste Glied, ein befremdender Anblick; denn auch im Frieden nimmt ihr
Gesicht kein milderes Aussehen an. Keiner von ihnen hat Haus oder Hof oder
sonstige Pflichten; wen immer sie aufsuchen, von dem lassen sie sich je nach den
Verhältnissen bewirten; sie sind Verschwender fremden und Verächter eigenen
Gutes, bis das kraftlose Alter sie zu so rauhem Kriegerdasein unfähig macht.
Den Chatten zunächst, wo der Rhein noch ein festes Bett hat und als Grenzscheide
genügt, wohnen die Usiper und Tenkterer. Die Tenkterer überragen den üblichen
Kriegsruhm durch ihre vorzüglich geschulte Reiterei, und ebenso großes Ansehen
wie das Fußvolk der Chatten genießt die Reitertruppe der Tenkterer.
Bis jetzt haben wir Germanien nach Westen hin kennen gelernt; nach Norden
springt es in riesiger Ausbuchtung zurück. Und sogleich an erster Stelle zieht
sich der Stamm der Chauken, der bei den Friesen beginnt und einen Teil der Küste
besitzt, an der Seite sämtlicher von mir erwähnter Stämme hin und reicht mit
einem Zipfel bis ins Land der Chatten.
Als Nachbarn der Chauken und Chatten gaben sich die Cherusker unbehelligt einem
allzu langen und erschlaffenden Frieden hin. Der brachte ihnen mehr Behagen als
Sicherheit; denn es ist verfehlt, unter Herrschsüchtigen und Starken der Ruhe zu
pflegen. Wo das Faustrecht gilt, sind Mäßigung und Rechtschaffenheit Namen, die
nur dem Überlegenen zukommen. So werden die Cherusker, die einst die guten und
gerechten hießen, jetzt Tölpel und Toren genannt; den siegreichen Chatten
rechnet man das Glück als Klugheit an. Der Sturz der Cherusker riss auch die
Foser mit sich, einen benachbarten Stamm; im Missgeschick sind sie Bündner
gleichen Rechts, während sie im Glück zurückstehen mussten.
Jetzt habe ich von den Sueben zu berichten. Sie sind nicht, wie die Chatten oder
Tenkterer, ein einheitlicher Stamm; sie bewohnen nämlich den größeren Teil
Germaniens und gliedern sich wieder in besondere Stämme mit eigenen Namen, wenn
sie auch insgesamt als Sueben bezeichnet werden. Ein Kennzeichen des Stammes ist
es, das Haar seitwärts zu streichen und in einem Knoten hochzubinden. So
unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so bei ihnen selbst die
Freien von den Sklaven. Auch andere Stämme kennen den Brauch, sei es durch
Verwandtschaft mit den Sueben oder, wie es häufig geschieht, durch Nachahmung;
doch befolgt man ihn selten und nur in der Jugendzeit.
Näher - um wie vorhin dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen - wohnt der Stamm
der Hermunduren, den Römern treu ergeben. Daher sind sie die einzigen Germanen,
die nicht nur am Donauufer, sondern auch im Inneren des Landes und in der
prächtigen Kolonie der Provinz Rätien Handel treiben dürfen. Sie kommen
allerorten und ohne Beaufsichtigung über die Grenze. Und während wir den übrigen
Stämmen nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben wir den Hermunduren unsere
Häuser und Gutshöfe geöffnet; sie sind ja frei von Begehrlichkeit. In ihrem
Gebiet entspringt die Elbe, einst ein berühmter und wohlbekannter Fluss; jetzt
weiß man von ihm nur durch Hörensagen.
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