Die Chatten
Von Asen und Alben
Die Chatten verehren eine Vielzahl von
Göttern und Geistern. Die höchsten unter diesen sind zweifellos die Asen. Ebenso
spielen jedoch auch die Disen und Nornen eine entscheidende Rolle. Ebenso gilt
es Quellgeister, Alben und Kobolden zu huldigen.
Ziu ist der Gott des Krieges und des
Thinges. Im Dekumatenland nennt man ihn Merkur; Esus nennen ihn die Welschen
jenseits des Rheines; die Sachsen aber rufen ihn Saxnot und im äußersten Thule
ist er wohl Tyr geheißen. Er ist der himmlische Lichtgott und der Fürst der
Asen. Auf einem stolzen Pferd reitet er am Himmel, sodass seinen goldenes
Rundschild den Erdkreis erhellt. Sein Sohn ist Tvisto, der Vater der Menschen.
Ein großes Heiligtum des Ziu findet sich Zuischen im Emsgau, aber auch der
gewaltige Stein in der Thingstätte Maden im Gau der Ems ist ihm heilig.
Was hat drei Augen, zehn Beine und einen
Schwanz? Das ist der einäugige Godan auf seinem achtbeinigen Hengst. Godan ist
der größte Runenmeister und Heiler unter den Asen. Ihn nennen die Römer Merkur,
die Gallier Teutates und die Nordleute Odin. Er erfand die geheimnisvollen Runen
und gab den Nornen eins seiner Augen als Opfer, sodass sie ihm die geheimen Wege
des Schicksals zeigten. Auch führt Godan die Seelen der Verstorbenen in dunkle,
unterirdische Nachwelt, aus der sie nur des Nachts in die Traumwelt der Lebenden
entweichen können. Die tapfersten Krieger unter den Gefallenen jedoch lässt er
von den Walküren in die von Schilden gedeckte Walhalla bringen, wo sie zu seinen
Gefolgsmännern werden müssen. Godan umgibt sich mit der Schar der Walküren,
disenhaften Schildmaiden, die auch die Gestalt von Schwänen annehmen und so die
Lüfte in Stürmen durchziehen. Godan ist ebenfalls ein Sturmreiter und sein
achtbeiniges Ross ist flink und donnernd wie ein Orkan. Der Godansberg ist sein
Heiligtum im Gau der Ems.
Donar nennen die Römer Herkules, die
Welschen Taranis und Männer jenseits der friesischen Küsten Thor. In den Händen
trägt er einen gewaltigen Hammer, dessen Donnerschläge den Himmel erzittern
lassen, wenn er an Gewittertagen diesen mit seinen von Ziegenböcken gezogenen
Wagen durchquert. Er ist der Feind der Riesen, Trollen, Druden und des bösen
Klobes und daher ein Freund der Menschen. Außerdem ist er der Heer des Regens
und Garant für gute Ernten. Begleitet wird er von Lodur, einem Asen von wildem
Feuer und listreichem Geist. Donars heilige Eiche steht seit Urzeiten auf einer
Anhöhe unweit von Geismare.
Nerthus ist Göttin der Fruchtbarkeit,
Frühlings und des Frieden. Man nennt sie auch die Mutter Erde. Ihre Heimat ist
auf einer fernen Insel mitten im Nordmeer vor der jütischen Küste. Dort steht in
einem heiligen Hain ihr geschmückter Wagen. Dieser wird im Frühjahr von
prächtigen Kühen gezogen. So erreicht Nerthus alle Länder und wo sie weilt ruhen
die Waffen, sodass alles Leben aufblüht und sich mehrt.
Friya ist die Gemahlin Zius. Sie ist die
Herrin der Fruchtbarkeit und der Liebe. In den römischen Provinzen heißt sie
Venus; im hohen Norden scheint sie sowohl Freya als auch Frigg genannt zu
werden. Ihr Gefährt ist ein von wilden Katzen gezogener Wagen, mit dem sie die
Lande durchstreicht. Zuweilen erscheint sie jedoch auch am Himmel, den ihr
leuchtender Stirnreif erhellt. Dies Kleinod von purem Gold erschufen einst
sieben Zwerge und als sie es Friya zeigten, verfiel sie Schmuckstück. Die
Zwergenschmiede forderten jedoch, dass Friya mit jedem der ihren eine Nacht
verbringen sollte, sodass sie den Stirnreif als Lohn erhalten sollte.
Ihrer lüsternen Schwester Friya im Geiste
vollkommen unähnlich erscheint die jungfräuliche Folla. Sie ist die Asin der
Fülle, die sie über die Welt ausschüttet. Auch ist sie die Dienerin der Asen,
denen sie Äpfel an der Tafel reicht. In einem Kästchen verwahrt sie den goldenen
Stirnreif ihrer Schwester.
Tvisto ist der Sohn von Ziu, des Herrn des
Himmels, und Nerthus, der Mutter Erde. Er zeugte aus sich selbst heraus den
Mann, den ersten Menschen und Vater der Völker. Mann wiederum hatte drei Söhne,
namentlich Irmin, Istwäo und Ingwaz. Dies sind die Väter der Stämme. Von Irmin
stammen die Hermunduren, Cherusker und auch die Chatten.
Nehalennia ist die Asin des Handels und
der Seefahrt. Sie wird von einem Hund begleitet und trägt die süßesten Früchte
mit sich. Ihr Gefährt ist freilich ein Boot. Verehrt wird sie von Händlern und
Schiffern, von denen es unter den Chatten nur wenige gibt. Kultzentren von
Nehalennia finden sich vor allem im Dekumatenland und in den römischen Provinzen
jenseits des Rheines.
Größere Bedeutung messen die Chatten
jedoch den eigenen Quellgeistern zu, die allerdings nicht zu den großen Asen
zählen. Ebenso gilt es mit den Disen der Sippen. Den drei Nornen, die im
Dekumatenland Parzen heißen, sagt man die Kenntnis des Schicksals nach. Ihnen
opfert man bei der Geburt eines Kindes, auf dass dieses von Schicksalsschlägen
verschont bleibe. Die Seherinnen flehen die Nornen an, wenn sie in die Ferne
schauen möchten.
Auch Alben und Kobolde werden verehrt. Besonders den häuslichen Kobold gilt es
mit regelmäßigen Opfergaben milde zu stimmen. Ebenso tut man es mit den Alben,
besonders mit jenen die ihre Wohnsitze in Dorfnähe haben, etwa in Bäumen und
Steinen.
Trollen und Druden jedoch sind im Gegensatz zu den Alben gefürchtete
Druckgeister, die die Schlafenden nachts im Traum heimsuchen, um ihnen Gewalt
anzutun. Ebenso so fürchtet man manche Waldgeister, die unter der Borke ruhend
mit Pfeilen auf Wanderer schießen, die dann vom Hexenschuss getroffen sind.
Weniger boshaft ist die Waldfrau, obgleich auch sie zum Geschlecht der Trolle
zählt. Sie nimmt die Gestalt schöner Maiden an und versucht Jäger und Holzfäller
zu verführen. Lässt sich aber ein Mann mit der Waldfrau ein, so kommt ihr
fürchterlicher Gemahl und schlägt ihn in Eifersucht tot.
Kulte der Chatten
Unter den Chatten gab es keine
eigentlichen Priester wie bei den Römern. Diese Aufgabe übernahm der Fürst, da
seine Sippe von den Asen abstammte. Sie waren die großen Runenmeister und
Zauberer und verstanden sich auch in der Heilkunst der Pferde. In der großen
Halle ihres Hofes führten sie regelmäßig die Opferfeste ihres Gaues durch. Eine
Pferd oder eine Kuh wurde hierzu geschlachtet. Der Kopf des Tieres wurde Ziu,
Donar oder Godan als Opfer dargebracht. Das übrige Fleisch aber verspeisten die
Männer des Gaues gemeinsam mit ihrem Fürsten an dessen Tafel. Im häuslichen
Bereich leiteten die Väter der Sippen den Kult; es kann jedoch auch jeder
einzelne allein die Asen anrufen und Opferhandlungen durchführen. Frauen wurde
eine besondere Nähe zu der übersinnlichen Welt der Asen und Alben
nachgesprochen. Erkennungszeichen der Seherinnen war ihr langer Stab. Die
Zukunft wurde durch Losorakel, Runenwurf und die Deutung des Vögelfluges sowie
der Vorzeichen der Pferde gedeutet. Die Losstäbe waren aus dem Holz
fruchttragender Bäume und Büsche gefertigt und mit Zeichen versehen.
Heiligtümer waren vor allem Bäume,
Findlinge und Berge. An den heiligen Bäumen wurden Opfertiere und gelegentlich
auch Menschen aufgehängt. Die heiligen Steine des Ziu wurden mit Blut
übergegossen. Es überwogen allerdings die unblutigen Opfer, wie etwa Met,
Früchte und andere Nahrung.
Die hölzernen Bildnisse der Disen und Nornen standen in den Häusern, ihnen
wurden unblutige Opfer dargebracht. Zuweilen stellte man auch Götterbilder auf
hohe Pfähle, und verehrte und opferte ihnen. Neben den hölzernen Bildnissen
wurden solche aus Ton verwendet. Besonders vornehm galten jedoch bronzene
Statuen aus dem römischen Reich, die eigentlich Merkur, Herkules, Isis, Venus
oder die Laren, Penaten und Parzen darstellten.
Die Krieger legten meist vor Beginn der
Kämpfe ein Gelübde ab, alle Beutestücke Ziu oder Godan zu opfern. Gefangene und
gefallene Feinde hing man dann als Opfergabe an den Bäumen auf. Die erbeuteten
Waffen wurden bis zur Unkenntlichkeit verbogen und anschließend als Opfergabe
ins Moor geworfen oder vergraben.
Die eigenen Toten verbrannten die Chatten und bestatteten sie in Urnen oder auch
ohne. Auf eine besonders reichliche Grabausstattung wurde kein Wert gelegt,
sodass die meisten Männer ohne ihre Waffen beigesetzt wurden. Die Grabstätten
der Chatten befanden sich auf dem Sondereigentum der jeweiligen Sippen.
Hochstehenden Verstorbenen wurde ein Grabhügel errichtet.
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