Die Chatten

Einleitende Worte zu den Chatten

Im Altertum bewohnten die Chatten unsere Heimat. Ihre Kerngebiete waren das Waberner, Fritzlarer und Kasseler Becken. Die Chatten sind zweifellos die Altvorderen der Hessen, wenngleich es keine klare etymologische Verbindung der Namen "Chatten" und "Hessen" gibt. In den Werken von Tacitus und Cassius Dio tauchen sie als "Chatti" auf und werden als besonderes kriegerisch bezeichnet. Im frühen Mittelalter nennt man sie "Hassi" und bald schon "Hessi". Heutzutage schreibt man schlicht "Hessen". Die Chatten gingen als die Fußkranken der Völkerwanderungszeit in die Annalen ein. Die Geschichte der Hessen ist daher über zweitausend Jahre alt. Neben den Friesen sind die Chatten der einzige germanische Stamm, der eine solche Beharrlichkeit aufweist. Die Namen der Cherusker und Markomannen verschwanden in Dunstkreis der Geschichte und gingen in den neuen großen Stammesverbänden des dritten nachchristlichen Jahrhunderts auf, während sich die Spuren der Wandalen in den Wüsten Nordafrikas verlieren. Die Chatten jedoch hielten ihre Unabhängigkeit, eingekeilt zwischen den Franken im Westen, den Sachsen im Norden, den Thüringern im Osten und den Alemannen im Süden.
Diesem ältesten aller deutschen Stämme huldigte der Homberger Dichter Heinrich Ruppel mit folgenden Versen:

 
Ein Hügel Heimaterde,
der gibt wohl gute Ruh.
Ein Hügel Heimaterde,
der deckt zwei Brüder zu.

Sind einer Mutter Söhne,
erstarkt an einem Brot,
und hatten einen Herzschlag
und starben ein Tod.

Und fanden einen Hügel
im lieben Hessenland,
und ruhen unvergessen
in ihres Gottes Hand.

Es singt ein Heimatvöglein
vom Zweig ins Morgenrot.
Das klingt wie Sieg und Sterben
Und Treue bis zum Tod.

 
Die Entstehung des Chattenstammes

Das heutige Nordhessen war in grauer Vorzeit von der La-Téne-Kultur besiedelt. Die La-Téne-Kultur hatte sich fast in ganz Europa ausgebreitet. Ihr Ausgangspunkt waren die Kelten im heutigen Süddeutschland. Im Lauf der Zeit breitete sich deren Kultur und Lebensweise in fast ganz Europa aus. Zu ihr zählten die Ibero-Kelten, die Gallier, die Briten, die Skoten, die Iren, die Illyrer am Balken sowie die Gallater in Kleinasien. Der bedeutendste Fund der jüngeren La-Téne-Zeit in Nordhessen ist die Altenburg bei Niedenstein. Diese Höhensiedlung hatte städtischen Charakter und war von mehreren Wällen umschlossen. Die Siedlung wurde jedoch noch vor der endgültigen Fertigstellung aufgegeben. Die letzte Besiedlung der Altenburg war im Jahre 50 vor Christus. Die Aufgabe der Altenburg steht in unmittelbarer Verbindung mit Caesars gallischem Krieg in den Jahren 58 bis 51. Die Handelsbeziehungen der La-Téne-Zeit brachen mit der römischen Eroberung Galliens zusammen, sodass die Höhensiedlung wohl aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden musste. Das war der Anfang vom Ende der Kelten in Nordhessen. Caesar überquerte bereits im gallischen Krieg den Rhein und traf auf Germanen wie etwa die Sveben um Arivist, die er eifrig bekämpfte. Die Chatten jedoch erwähnt er nicht. Hieraus schließen die meisten Wissenschaftler, dass das heutige Nordhessen erst im Jahre 40 nach Christus von Germanen besiedelt wurde. Vor allem drangen Rhein-Germanen aus dem späteren Stammesgebiet der Chattvaren zwischen Rhein, Ruhr und Lippe ein, worin die Verwandtschaft von Chatten und Chattvaren begründet liegt. Allerdings ließen sich auch einige Elb-Gemanen svebischer Prägung in Nordhessen nieder. Es gibt keinerlei Hinweise auf einen feindlichen Einfall germanischer Siedler. Vielmehr beweisen Ausgrabungen in Geismar eine kontinuierliche Besiedlung, in die erst nach und nach Germanen einwandern und ihre Hofe neben den Höfen der Kelten in den selben Dörfern errichten. Sprich die keltische Bevölkerung blieb erhalten und übernahm erst nach und nach die germanische Sprache und Kultur. Die Vorliebe der Kelten für hierarchische Gesellschaftsentwürfe prägte die späteren Chatten und trug zweifellos zur Germanisierung des Gebietes bei. Die draufgängerischen und kriegerischen Einwanderer, Zweifels ohne junge Männer voller Tatendrang und Abenteuerlust, führten bald die sesshaften Bauern und nahmen den Platz der keltischen Fürsten ein. Wie es bei Untergebenen allgemeiner Brauch ist, unternahmen die Geführten nach und nach die Bräuche ihrer Herren. Aus diesem Völkergemisch müssen zweifellos die Chatten hervorgegangen sein, die mit ziemlicher Sicherheit eine germanische Sprache sprachen.

 
Beschreibung der Welt

Dies ist die Beschreibung der Welt, beruhend auf den Überlieferungen der Seherinnen und den Berichten römischer Kaufleute. Der Erdkreis ist seit ewigen Zeiten umschlungen von einer alten Schlange, die heißt Meer. Mit dem Meer ringen die Seefahrer und manche wurden verschlungen. Nicht einmal der große Donar konnte die Schlange endgültig bändigen. Mit im Meer liegen der Erdkreis sowie die kleinen und großen Eilande. Hoch im Norden des Erdkreises liegt Scandia, die Heimat der Gauten und Svenionen. Zwischen Scandia und Germania Magna liegen zwei Meere, die vom Land der Jüten, Angeln und Sachsen geteilt werden. Vor der Küste der Jüten liegt die Insel der Nerthus. Die nördliche Küste Germaniens bewohnen die Söhne von Ingwaz, zu denen die Chaucen und Friesen zählen. Dass Binnenland bewohnen die Söhne Irmins, zu denen auch die Chatten gehören. Das Rheinland bewohnen die Söhne des Istwäo, wie etwa die Bructerer und Tencterer. Östlich der Söhne Irmins liegt die Heimat der Sveben. Östlich der großen Elbe, im Land der Nebelkrähen siedeln die Vandalen und Burgunder. Westlich des Rheines leben die Welschen unter römischer Herrschaft bis zu den Säulen des Herkules, den wir Donar nennen. Auch die Eilande Britannien und Hibernia bewohnen die Welschen, gleichfalls beherrscht von den Söhnen von Romulus und Remus. Weit, weit nördlich von Britannien soll das geheimnisvolle Eiland Thule liegen.

Südlich des großen Gebirges erstreckt sich das süße Italien, und dort liegt das ewige Rom, die Herrin der südlichen Länder. Italien liegt an einem warmen Meer, welches durch die Säulen des Herkules mit der hohen See verbunden ist. Dort fließen Milch und Honig und haust der purpurne Augustus, der mächtige König der Römer, der nur von den kostbarsten Weinen trinkt. Südlich des warmen Meeres liegen aber noch Ägypten, Afrika und die Länder der Schwärzlinge, wo die süßesten Feigen gedeihen und allerlei Untiere wohnen sollen. Am östlichen Rand der bekannten Welt siedeln die Goten, die wie die Chatten zu den Asen flehen. Östlich hiervon mag sich die Welt der Riesen und Unholde erstrecken. Dort im fernen Osten geht aber auch die Sonne auf. Die Überlieferungen sagen, das ist Ziu, der ein goldenes Schild tragend am Himmel reitet. Verfolgt wird er von einem Wolf, der ihn samt Schild zu verschlingen droht. Eine Hand soll Ziu in grauer Vorzeit beim Bändigen des Wolfes verloren haben. Gleichfalls wird der Mond von einem anderen Wolf verfolgt, und oftmals sieht man ihn schwinden, wenn ihm der Rachen des Untiers zu nahe kommt. In der Nacht, wenn die Druden und Werwölfe umherziehen, sieht man am Himmel die Sterne, das sind die goldenen Nägel die das Himmelsgewölbe zusammenhalten. Auch Donar jagt auf seinem von Böcken gezogenen Wagen am Himmel und wirft mit seinem Hammer auf Frevler und Unholde. Godan durchzieht als Sturmreiter die Lüfte, gefolgt von den Walküren und den heulenden Seelen der Verstorbenen, die dem Wind gelegentlich Stimme verleihen. Himmel und Erde sind aber verbunden durch die Säule der Welt. An ihr kann ein Seher, wenn seine Seele die Hülle verlassen hat, die himmlische Welt der Asen besuchen. Diese Säule ist ein riesenhafter Haselnussbaum, dessen Krone man schneeweiße Wolken erkennen kann. An den Wurzeln des Weltenbaumes wohnen die drei Nornen, die allein das Schicksal von Asen und Alben, Druden und Trollen, Männern und Frauen kennen. Unter der Erde leben die Zwerge und andere Erdgeister. Auch die Toten liegen dort vergraben und sie suchen die Lebenden nur heim, wenn die dunkle Nacht sie ruft.
 
 

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