Die Hunde vom Falkenstein
Auf dem Falkenstein wohnte in sehr alter Zeit ein reicher Edelmann, der fleißig auf die Jagd ging und daheim ein schönes, aber stolzes Weib hatte. An einem Morgen, da die Edelfrau allein zu Hause war, klopfte eine arme Frau, welche ein Kind in dem Arme trug, ein anderes an der Hand hatte und ein drittes bald erhoffte, an die Tür und bat um ein Almosen. "Packt euch!", rief die hartherzige Edelfrau, "Was braucht ihr armes Volk so viele Kinder zu haben, wenn ihr sie nicht ernähren könnt!" Die Frau wandte sich ab und sagte, indem sie ging, "Möchten euch doch sieben auf einmal beschert werden."
Der Wunsch der armen Frau erfüllte sich wirklich nach einiger Zeit. Die Edelfrau bekam sieben Knaben auf einmal. Voller Angst befahl sie ihrer Magd, sechs von den Jungen in einen Korb zu tun und ins Wasser zu tragen, ehe ihr Mann von der Jagd nach Hause käme; wenn unterwegs jemand frage, möchte sie nur sagen, sie habe junge Hunde in dem Korb, welche ersäuft werden sollten, aber sie dürfe den Deckel auf keinen Fall öffnen.
Die Magd tat, wie ihr befohlen war, aber das Schicksal wollte, dass der erste, der ihr begegnete, der Edelmann sein musste, der eben von der Jagd heimkehrte. "Was trägst du in dem Korb?" fragte er, und die Magd erwiderte verlegen: "Junge Hunde. Die Herrin hat mir befohlen, sie ins Wasser zu werfen." "Lass mich die Hunde sehen!", sagte der Edelmann. Mochte nun auch die Magd Ausreden machen und sich Sträuben soviel sie wollte, es half ihr nichts und sie musste endlich den Korb öffnen. Wie erstaunte der Edelmann, als er statt der Hunde sechs gesunde Knaben erblickte, welche ihn mit ihren großen Augen ansahen. Er zwang der Magd ihr Geheimnis ab und ließ sie schwören, dass sie daheim erzählen solle, sie habe ihren Auftrag ausgerichtet; dann nahm er den Korb und ging ins nächste Dorf zum Pfarrer. "Wollt ihr mir sechs junge Hunde taufen?" fragte er den frommen Mann.
Dieser entsetzte sich angesichts solcher Zumutung und schickte den Edelmann wieder fort. So ging es ihm auch bei einem zweitem. Der dritte aber, zu dem er hinkam, war der Pfarrer zu Metze, und dem mochte eine Ahnung von der Sache gekommen zu sein, denn er erklärte sich bereit, die Hunde zu taufen. Die Knaben erhielten sämtlich den Beinamen "Hund", und dem Prediger von Metze schenkte der Edelmann einen Zehnten, den man den "Hundezehnten" nannte.
Die sechs Knaben gab der Edelmann einzeln in Pflege, sorgte aber dafür, dass sie stets ebenso gekleidet einhergingen, wie seine Frau den daheim behaltenen siebten kleidete. Als sie nun herangewachsen waren, berief er sie eines Tages allesamt auf sein Schloss. Die stolze Frau erschrak sehr bei ihrem Anblick, noch mehr aber als der Edelmann fragte, was wohl eine Mutter verdiene, die sechs solcher prächtiger Jungen ins Wasser werfen lasse. Doch fasste sie sich schnell und erwiderte kalt: "Die verdient in ein Fass von Nägeln gesteckt und einen Berg herabgerollt zu werden." - "Nun wohl", sagte der Edelmann, "Du hast dein Urteil gesprochen, denn das sind deine Kinder, die mir ein glücklicher Zufall vor dem Tod zu retten gestattete, welchem du ihnen zugedacht hattest."
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