Die Vorgeschichte
Nach der Eroberung des Ortes Chaienrotasch durch
die Lawegonier hat sich die Lage in Friedrichstein weiter verschärft. Es
scheint, dass sich die Bevölkerung Friedrichsteins in zwei Lager gespalten hat.
Die einen versuchen mit allen Mitteln eine Zugehörigkeit zu Alisien zu bewahren,
während die anderen für die Abspaltung eintreten. Die Lage im Sultanat
Friedrichstein entgleitet mehr und mehr der Kontrolle der Obrigkeit. Auf deinen
Wegen gelangst du immer wieder in Situationen, in denen du einige spärliche
Informationen aus dem Krisengebiet bekommst:
Du bist schon wieder längere Zeit unterwegs, deinen
persönlichen Zielen folgend. Es ist ein heißer Tag und alles, du nicht
ausgenommen, schleppt sich dahin. Als du an dem nahe gelegenen Grenzübergang zum
Nachbargebiet vorbeikommst wird deine Aufmerksamkeit auf das gelenkt, was sich
am Grenzposten abspielt. Ein kleiner, dicklicher Mann mit Federhut und Gehstock
scheint sich über irgendetwas sehr aufzuregen. Und um das zu unterstreichen
wedelt er mit seinem Stock wütend und energisch in der Luft herum, was den Mann
der Wache aus dem Konzept zu bringen scheint, da dieser langsam aber merklich
zurückweicht zu dem Ort, an dem seine Kollegen stehen und in sich hineingrinsen.
Es hat sich bereits eine kleine Traube um die beiden gebildet. Als du näher
kommst, kannst du die ersten Wortfetzen auffangen. Du hörst “Zölle“,
“Unverschämtheit“ und “mir egal!“ auf der einen und “Bürgerkrieg“, “keine Wahl“,
“Schuld“ und “Verschwinde!“ auf der andern Seite. Und nun geht alles ganz
schnell. Die beiden anderen Wachen, viel stämmiger als der lange Dürre, der
bisher die Verhandlungen geführt hat, kommen hinzu und so rasant, wie das
Streitgespräch begonnen haben musste, war es auch wieder beendet. Die
Schaulustigen werden verscheucht. Doch von deiner natürlichen Neugierde gepackt,
gehst du hinter einem Mann mit Strohhut her und bittest ihn, den Vorfall zu
erklären. Er erzählt dir:
“Das passiert hier in letzter Zeit ständig. Durch
den Ausfall wichtiger Handelsgüter und die vorrückenden Lawegonier bricht hier
langsam das Chaos aus. Ihr wisst doch, wovon ich rede, oder? Im nördlichen
Alisien, dem alten Herzogtum Friedrichstein, steht man kurz vor dem
Ausnahmezustand und dann noch diese verdammten Rebellen... diese
Befreiungsfront... machen den Menschen mit ihren ständigen Angriffen, Anschlägen
und Attentaten das Leben zur Qual. Als wenn dadurch irgendetwas besser würde.
Wie man sieht, tragen sie Ärger und Leid sogar bis hier her. Doch die wahren
Verlierer sind eindeutig die Bauern und kleinen Handwerker vor Ort. Sie trifft
das alles am Meisten. Und sollte der Sultan doch noch Unterstützung vom
Marikthan erhalten, werden die Truppen allein durch ihren Hunger die Heimat
dieser Menschen endgültig zu Grunde zu richten. Doch was rede ich da, vielleicht
wendet sich ja doch noch alles zum Guten. Außerdem haben wir selbst genug
Sorgen. Also gräm' dich nicht, man kann es ja doch nicht ändern.“
Und mit einem „Gehab' dich wohl“ verabschiedet sich der Mann, geht seiner Wege
und lässt dich nachdenklich zurück.
***
Eines schönen Morgens spürst du, wie die Sonne dir
ins Gesicht scheint und dich weckt. Du weißt nicht, ob du die letzte Nacht
durchzecht hast, oder ob du niedergeschlagen und ausgeraubt wurdest, jedenfalls
dröhnt dir ein dumpfer Schmerz im Schädel und die Leere in deiner Geldkatze
spricht für beide Möglichkeiten. Als du dich umblickst, fällt dir auf, dass du
unter einem Fuhrwerk die Nacht verbracht hast. Um dich herum hat ein reges
Marktreiben angefangen. Du wagst nicht, dich zu bewegen, da in deiner Nähe zwei
hünenhafte Haudegen stehen. Du kommst nicht umhin, ihr Gespräch zu belauschen:
“Jetzt haben sie schon wieder einen mitgenommen. Der vierte diese Woche“
„ “Sei still! Du weißt nicht, ob sie uns nicht belauschen. Sonst sind wir als
nächste dran“
“Hör auf, Yusuff. Das kann nicht so weitergehen.“
“Du sollst mich nicht so nennen. Ich heiße Groldwin. Jedenfalls, wenn wir unter
uns sind“
“Und wenn wir nicht unter uns sind, kerkert dich der Sultan ein, wegen
Volksverhetzung oder so.“
“Das mag sein. Ich sag dir eins. Wenn erst die Lawegonier hier durch sind, wird
sich alles ändern.“
“Was wird sich dann ändern? Wir wissen jetzt noch gar nicht, ob wir mit den
Lawegoniern wirklich besser dran sind, als mit den Ibns.“
“Mag sein. Aber es wird dann sicher für uns einfacher. Ich meine, wir können
dann endlich unseren Göttern opfern, oder? Ich meine, wenn die Lawegonier hier
durch sind, dann gibt es keinen Aldon mehr, oder?“
“Ja, immerhin. Und die Knechtschaft wird auch abgeschafft. Und die Verhaftungen
hören endlich auf. Wir werden wieder freie Männer sein.“
“Rodrik sieht das anders. Er sagte beim letzten Treffen, dass die Lawegonier
hier auch alles in Schutt und Asche legen könnten.“
“Rodrik war schon immer ein Schwarzseher.“
“Immerhin hat er richtig vorhergesehen, dass sich der Sultan gegen unsere
Terrorakte zur Wehr setzen wird.“
“Der Sultan ist bald Geschichte!“
“Psst, reiß dich zusammen. Nur noch ein paar Wochen.“
“Schon gut, du hast recht. Ich sollte so kurz vor der Entscheidung nicht die
Nerven verlieren. Das Ende ist zum greifen nahe...“
“Nur dieser komische Notar. Man sagt er komme direkt vom Marikthan. Der könnte
jetzt noch alles rumreißen.“
“Ach komm schon. Was kann ein Notar schon ändern? Wenn der Kerl einmal Blut
sieht wird der doch ohnmächtig.“
“Er wird nicht ohne Grund kommen. Man sagt, er sucht dieses Ding, von dem schon
alle Reden.“
“Das Ding? Dieses furchtbare Teil? Das, was ein ganzes Dorf innerhalb von einem
Augenblick auslöschen kann?“
“Ich habe gehört, dass damit mal einem Ritter bei lebendigen Leib die Haut
abgezogen wurde. Seine Augen drehten sich auswärts und er begann seine
Eingeweide aus zu kotzen.“
“Der Vigarsfried hat erzählt, dass der Sultan damit in den Kopf eines Menschen
eindringen könne und der dann schreckliche Dinge anstellen würde!“
“Und der Henner erst. Der meinte gestern, dass er Träger dieses Dings im Kampf
stets unbesiegt bleibt.“
“Wenn dieses Teil das hält, was man sich davon verspricht, darf es nicht in die
Hände des Feindes fallen. Es könnte jetzt alles umwerfen. All das, wofür wir so
lange gearbeitet haben.“
“Es dauert ja nun doch einige Wochen, bis der Notar hier eintrifft. Man sagt der
Sultan habe einen Boten entsandt um ihn hierher zu bringen. Das war erst letzte
Woche. Und wenn man zum Marikthan läuft und wieder hierher kommen will, dauert
das schon einige Zeit.“
“Dennoch, ich gehe zu Rodrik. Wir sollten wenigstens vorbereitet sein.“
“Rodrik weiß davon schon längst. Man sagt, er ist dabei alle Getreuen um sich zu
sammeln.“
Weiter kannst du nicht zuhören, da das Fuhrwerk
sich in Bewegung setzt und du dich darunter fest hältst, damit die beiden Hünen
dich nicht bemerken. In sicherer Entfernung lässt du los und ordnest erstmal
deine Gedanken und Kleidung.
Wie du merkst, kündigen sich große Ereignisse im Lande Friedrichstein an, der
sich keiner wird entziehen können, Ereignisse, die auch dich zwingen werden,
eine Position zu beziehen. Welche Seite wirst du wählen?

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