Wilbert
von Falkenthal
Wilbert wurde am 13.
Bercolia im Jahr der Lieder in der Zeit der Regentschaft König
Roalds in dem kleinen Dorf Hernetmark im erédischen Herzogtum
Hellensberg geboren. Dort wuchs er als Sohn eines Schafhirten und
einer Korbflechterin in bescheidenen, gar ärmlichen Verhältnissen
auf und musste bereits früh bei dem Tagwerk der Eltern mithelfen.
Eines Tages konnte Wilberts Vater dem Herzog Hektor von
Hellensberg einen großen Dienst erweisen. So konnte er den Herzog
vor einem Überfall vogelfreier Räuber bewahren, indem er den
Anführer eigenhändig mit seinem Hirtenstab erschlug und die
Gesandtschaft des Herzogs vor den übrigen warnen konnte. Als Dank
nahm der Herzog nach dem Tod des Vaters, der an Keuchhusten starb,
den damalig achtjährigen Wilbert und seine Mutter als Bedienstete
an seinem Hofe auf.
Dort erfüllte Wilbert lange Zeit einfachere Arbeiten und wurde als
Stallbursche eingesetzt. Da er ein gutes Gespür im Umgang mit den
Tieren zeigte, wurde er schließlich Pferdebusche des alten
Jagdmeisters des Herzogs. Dem Jagdmeister gefiel der junge
Wilbert, zeigte er doch große Tatenkraft und einen starken Willen
und so kam es, dass Wilbert dem Jagdmeister alsbald in vielen
Bereichen half und ihn sogar mit auf einige Jagden begleiten
durfte. Dort viel dem Jagdmeister schnell auf, dass Wilbert
hervorragende Kenntnis des Waldes zeigte und sich in diesem ebenso
gut orientieren konnte. So kam der Jagdmeister zu dem Entschluss
den mittlerweile vierzehnjährigen Wilbert zum Jäger auszubilden.
In den darauf folgenden
Jahren entwickelte sich zwischen Wilbert und dem Jagdmeister eine
besondere Beziehung. Der Jagdmeister, der nie eigene Kinder hatte,
sah Wilbert wie einen eigenen Sohn an und Wilbert war froh, nach
dem Tod seines Vaters, sich einer neuen Person zuwenden zu können,
die ihm Vorbild und Führung zu geben vermochte. Dies führte
allerdings zu Neid der anderen, jungen Jäger am Hofe des Herzogs,
die Söhne des umgebenden Kleinadels waren, und Wilbert das Leben
nicht leicht machten, ließen sie ihn doch spüren, dass sie von
Adel waren, während Wilbert nicht mehr sei als ein einfacher
Bauernlümmel.
Der alte Jagdmeister nahm Wilbert jedoch immer in Schutz, wenn er
seiner niederen Abstammung wegen ins Gerede kam, hielt er doch,
obzwar selbst geadelt, nicht viel von den Wohlgeborenen, die sich
seiner Ansicht nach ihren Stand nicht selbst verdient hätten,
sondern sich nur der Völlerei und Dekadenz hingäben. Und so kam
es, dass auch Wilberts Einstellung zu den Adeligen sich änderte,
erkannte er doch mit der Zeit, dass viele der Adeligen sich nur
einem schönen und bequemen Leben zuwendeten. Wilbert machte aus
seiner Ansicht keinen Hehl, was ihn oftmals umso mehr Ärger
einbrachte. Als
Wilbert sein 20. Lebensjahr ereichte, wurde der alte Jagdmeister
schwach und krank und gut ein halbes Jahr später verstarb er, ließ
aber noch als seinen letzten Willen verlauten, dass er wünsche,
dass Wilbert ihn in seinem Amt ersetzten solle.
Dieser letzte Wille kaum einen Skandal gleich, schließlich hieß es
einen von niederer Abstammung in ein herzogliches Hofamt
einzusetzen und zudem den anderen adeligen Anwärtern vorzuziehen.
Doch konnte sich der Herzog, der den alten Jagdmeister immer hoch
achtete, dem letzten Willen nicht gänzlich entziehen, fürchtete er
nicht zuletzt um sein Heil bei den Göttern, und so wurde Wilbert
Jagdmeister an seinem Hofe. Allerdings mit einigen unüblichen
Einschränkungen, die auf die vehementen Einsprüche einiger
Adeliger zurück zuführen waren. So wurde Wilbert kein Lehen
übertragen und die Erhebung in den Adelsstand wurde ebenso
ausgelassen. Als Namen bekam er "von Falkenthal", nach dem
Wiesengrund auf dem sein Vater die Schafe hütete, ein Name, der
genau betrachtet eher einer Schmach entspricht als einer
Würdigung. So
ist Wilbert mittlerweile zwei Jahre in dem Amt des Jagdmeisters
und ohne den guten Zuspruch und Rat einiger älterer Jäger,
Weggefährten des alten Jagdmeisters, wäre Wilbert wohl nicht in
seinem Amt geblieben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er,
angewidert von den höfischen Ränkespielen und Intrigen, mehr Zeit
in den Wäldern als am Hofe verbringt.
Denn durch die Übernahme des Amtes des Jagdmeisters haben sich
Wilberts Aufgaben geändert. War als Jäger die eigentliche Jagd auf
Hoch- und Niederwild die vornehmlichste Aufgabe, so ist es nun die
Beobachtung des Wildbestandes und zuallererst die Aufsicht über
den Wald und die Durchsetzung des herzoglichen und königlichen
Jagdvorrechtes. Diese Aufgaben ermöglichen es ihm, längere Zeit
durch die Wälder zu ziehen.
Wilbert hat in den langen Tagen und Nächten, die er in den
ausgedehnten Wäldern des Herzogtums nahe dem Nebelgebirge
verbracht hat, eine tiefe Religiosität entwickelt, besonders der
Jagdgöttin Soniana fühlt er sich verbunden, gibt sie ihm doch
Kraft und Bestätigung in seinem Handeln.
Mittlerweile begleitet Wilbert des Öfteren im Auftrag des Herzogs
verschiedene Expeditionen und Gesandtschaften, die ihn zum Teil
weit über die Grenzen Erédias hinaus führten. Die Absicht hinter
solchen Aufträgen ist nicht zuletzt, den oftmals unbequemen
Wilbert einige Zeit vom Hofe fernzuhalten, können sich doch so die
adeligen Jäger mehr den Versuchen hingeben, ihn in seinem Amt zu
schwächen. Doch Wilbert, wohl wissend über solche Absichten,
genießt die Zeit fern der Heimat, denn es treibt ihn immer noch
die gleiche Neugier, die ihn bereits als kleines Kind in die
Wälder lockte.

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