Der Zugführer Hermann Klauenbeil
Er stand hoch auf den Zinnen der Ellingeat-Feste und überblickte
seinen Heimatort. Es war ein schöner Tag, die Sonne schien, es
waren fast keine Wolken am Himmel zu sehen, nur eine leichte
Briese strich ihm ums Gesicht. Er atmete tief durch und erinnerte
sich. Es war ein Tag wie dieser, jedoch würde sich an diesem Tag
sein Leben radikal ändern.
Im Alter von 17 Jahren entschloss er sich für eine in Erédia etwas
ungewöhnliche Karriere, er ging zur Armee, um als Unteroffizier
seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er hätte auch bei seinem
Vater arbeiten können, eine Lehre hatte er schließlich bei ihm
gemacht, aber aus Gründen, die ihm heute nicht mehr ganz klar
waren und wohl eher etwas mit der Auflehnung eines Jugendlichen
gegenüber seinen Eltern und Abenteuerlust zu tun hatten, entschied
er sich für die Armee. Was hatte er damals Angst vor dem, was ihn
wohl in der Armee erwartete. Er hatte ehrlich gesagt kaum eine
richtige Vorstellung von dem Leben als Soldat gehabt. Obwohl er
schon immer in Metzarum lebte, welches nahe an der Grenze zu
Lawegon, das einzige Land in Erédias Nachbarschaft, welches
feindlich gesinnt ist, liegt, und daher auch schon in seiner
Kindheit viele Soldaten gesehen hatte, so wusste er doch nicht so
ganz recht einzuordnen, was ihn erwarten würde. Zwar hatte er sich
in den letzten Wochen eingehend zu informieren versucht, doch der
alte Mann in dem Werbungsbüro am Marktplatz hatte ihn mit recht
allgemeinen Antworten auf seine Fragen abgespeist. Allerdings
hatte auch dieser Mann ihn auf die Idee gebracht Unteroffizier zu
werden. Heute -sieben Jahre später - hatte er es geschafft. Mehr
noch. Er war nicht nur einfach ein Truppmeister, sondern bereits
Zugmeister. "Ja, ich habe es schon zu was gebracht.", dachte er
und begann ein wenig auf dem Wall umher zu wandern. Ob es die
richtige Entscheidung gewesen war, die er damals getroffen hatte,
wusste er immer noch nicht, denn ungefährlich war sein Beruf
schließlich nicht, aber es war auf keinen Fall die schlechteste.
Er dachte wieder an seinen Werdegang in der Armee: die
Grundausbildung hier in der Feste, das anschließende Jahr in Morgenend, wo er das raue Grenzgebirge zu den Wilden Landen im
Westen Erédias nur zu genau kennen lernte, die anschließende
Stationierung in Limandor weiter im Norden. Manchmal überkam ihn
das Gefühl, dass er in so ziemlich allen Hinterwäldlerdörfern
Erédias gewesen war, jedoch hatte das, was er in diesen entlegenen
Außenposten gelernt hatte, seiner Karriere nur gedient. So hatte
man ihn nach nur zwei Jahren zum Fahnenjunker ernannt, was ihn
schon fast zum Unteroffizier machte. Außerdem hatte er während
seines Dienstes im Gebirge gelernt zu kämpfen und zu überleben.
Ein kleiner Vogel, der auf einer Zinne saß und fröhlich ein Lied
zwitscherte, erregte seine Aufmerksamkeit. Er hielt in seiner
Wanderung inne und lauschte ihm einen Moment, bevor er wieder
zurück dachte.
Dann kam die Zeit in Leugenfels, welches im Westen Erédias an der
Grenze zu den Nördlichen Steppen, aber auch bereits an der Grenze
zu Lawegon, lag. Dort wurde ihm alles beigebracht, was er als
Unteroffizier wissen musste. Wiederum ein Jahr später kam er
zurück in seinen Heimatort Metzarum. Hier drängten sich ihm
Erinnerungen an seine Kindheit auf. Es war eine schöne und
sorgenfreie Kindheit gewesen und er hatte das Glück gehabt, eine
Schule besuchen zu können, so war er auch des Lesens, Schreibens
und Rechnens mächtig. Auch dachte er an so manchen Streich, den er
seinen Eltern, Gernot und Hildrud, gespielt hatte, oder was er
alles seinen drei jüngeren Geschwistern angetan hatte. Nicht das
etwas wirklich Schlimmes darunter gewesen wäre, aber nett war es
nie gewesen. "Manchmal hatten sie es aber auch verdient" brummte
er leise vor sich hin und wanderte weiter die Zinnen entlang.
Heute konnte er sich diesen Luxus erlauben auf den Wällen und
Mauern der Feste spazieren zu gehen, schließlich hatte er für ein
paar Stunden keinen Dienst zu versehen und niemand würde es wagen,
ihm diese Tätigkeit zu untersagen. Jedoch schweiften seine
Gedanken wieder ab.
Vor drei Jahren war es schließlich soweit, er wurde zum
Truppmeister ernannt. Wie sehr war er damals stolz auf sich
gewesen. Eigentlich hatte er sein Ziel erreicht, er war nun
Unteroffizier. Zwei Monate nach seiner Beförderung bekam er den
bis dahin merkwürdigsten Auftrag seiner Dienstzeit: er sollte mit
einer kleinen Gruppe Soldaten und Kartographen dem Grenzverlauf
Erédias folgen, mit dem Zweck, alle Grenzgebiete des Landes auf
Karten festzuhalten. Dieses Unterfangen dauerte fast zwei Jahre
und brachte viele Entbehrungen, seltsame Begegnungen mit allen
möglichen Völkern wie Elfen, Zwergen und Orks und einigen
Entdeckungen mit sich. Als er wieder zurück in Metzarum war, wurde
er zum Zugmeister befördert. Somit war er nicht einfach nur ein
Unteroffizier, nein, ihm unterstand jetzt eine Gleve und bei
Entscheidungen innerhalb der Brigade hatte er auch ein gehöriges
Wort mitzureden. Aber er war auch froh gewesen, dass für ihn nun
die folgende Zeit ruhiger werden würde, da er erst einmal in seine
neuen Aufgaben eingewiesen werden musste. Außerdem musste er sich
langsam um das Haus seiner Eltern kümmern, da diese nun allmählich
in die Jahre kamen. Schließlich wollte er ja nicht, dass das Haus
herunterkam, für das sein Vater, der Zimmermannsmeister war, so
hart gearbeitet hatte. Er wollte auch nicht, dass es seinen Eltern
schlecht erging, auch wenn sein Vater noch immer in seinem Beruf
arbeitete. Und wer konnte ihm schon sagen, was die Zukunft bringen
würde? Vielleicht würde er eines Tages heiraten und dann wäre es
besser, seiner Frau ein Haus vorweisen zu können. Oder es mochte
ihm durchaus etwas zustoßen und als Invalider auf der Straße
leben, wollte er auf keinen Fall. Bei diesem Gedanken lief ihm ein
kalter Schauer den Rücken hinab. Es gab keine schlimmere
Vorstellung für einen Soldaten als diese.
Er hatte es oft gesehen, wie starke und gesunde Männer im Kampf
verwundet wurden und dann nicht fachgerecht versorgt wurden oder
erst viel zu spät, so dass die Feldärzte ihnen auch nicht anders
helfen konnten, als ihnen verletzte Körperteile abzuschneiden. Er
war daher ganz froh, dass er während seines Dienstes im Gebirge
die Kunst des Heilens erlernt hatte. Dort war es besonders wichtig
gewesen, dass man über genügende Kenntnisse dieser Kunst verfügte,
da man bis zur nächsten Ortschaft oft mehrere Tagesmärsche
benötigte und Ärzte so gut wie gar nicht zu finden waren. Er
versuchte damals so viel wie möglich über die Heilkunst zu lernen
und er setzte seine Bemühungen darum auch später immer noch fort,
um seinen Männern und auch sich selbst helfen zu können und sie so
vor diesem grausamen Schicksal zu bewahren.
Langsam begab er sich von den Mauern hinunter in seine Kammer, die
er auf der Feste bewohnte, um sich auf seinen bald beginnenden
Dienst vorzubereiten.
Als er aus seiner Kammer heraustrat, überlegte er kurz, was heute
alles zu erledigen war. Dann setzte er sich in Bewegung zu dem
Platz vor den Unterkünften der Mannschaften, dort würde ihn seine
Gleve erwarten. Ihm waren zwei Neue zugeteilt worden und die galt
es heute zu begrüßen. Als er den Platz erreichte, ließ einer
seiner beiden Truppmeister die Gleve still stehen, danach meldete
er ihm kurz die Vollzähligkeit und trat danach in die Reihe
zurück.
Er begann seine Ansprache, auf die er eigentlich gar keine Lust
hatte, da er später die beiden Neuen sowieso mit auf Patrouille
nehmen wollte und sie sich genau so gut dann hätten vorstellen
können: "Tag Männer! Ich will es kurz machen, wir haben viel zu
tun und hier rumstehen können wir uns nicht leisten. Die beiden
Neuen vortreten!" Etwas zögerlich traten sie aus der Reihe. "Mein
Name ist Hermann Klauenbeil und wie ihr sehen könnt, bin ich
Zugmeister und somit euer Vorgesetzter. Den Rest meiner Truppe
kennt ihr schon oder ihr werdet sie noch kennen lernen. Ich
begrüße euch hier in Metzarum und ganz besonders in der
Ellingeat-Feste. Ich bin kein Freund großer Worte und außerdem
liegt ein langer Tag vor uns, also zurück in die Reihe, wir werden
später noch genügend Zeit haben uns zu unterhalten."
Er wollte die Sache jetzt abkürzen und gab kurz die Befehle
bekannt: "Die Truppmeister kümmern sich darum, dass die Neuen
alles gezeigt bekommen. Danacht tritt die erste Lanze zusammen mit
den beiden Neuen hier an und wir gehen mal wieder im Wald
spazieren. Die zweite Lanze hat dann bis morgen Mittag
dienstfrei." Er sah den Truppmeister an, der ihm vorhin die
Meldung gemacht hatte, sagte: "Truppmeister übernehmen.", drehte
sich um und ging zur Schreibstube, um sich vom Hauptmann über die
neuesten Ereignisse informieren zu lassen. Er konnte die Neuen
wirklich später kennen lernen, außerdem sollten sie ihm erst
einmal zeigen, was sie konnten. *** "Ah ja, Klauenbeil. Komm rein."
"Morgen, Herr Hauptmann."
"Die Neuen schon eingewiesen?"
"Ja, aber..."
"Ich weiß, einer hätte dir gereicht."
"Stimmt."
"Dann halte deine Verluste geringer."
"Kann ich nur versuchen, aber dann sollte ich nicht so oft auf
Patrouille gehen."
"Du weißt, dass das zurzeit nicht geht."
"Jawohl."
"Übrigens, ich hab da was Neues für dich."
"Was ist es denn diesmal?"
"Du gehst mal wieder auf Reisen und deinen Haufen nimmst du auch
gleich mit."
"Wohin denn?"
"Diesmal dauert die Sache wirklich lange, du wirst dich nach
Mutzlar begeben, da wartet auf dich ein gewisser Ludolf Harbeck,
der ist der Handelsherr von Mutzlar und der hat um Begleitschutz
für eine offizielle Reise gebeten."
"Offizielle Reise?"
"Ja genau. Er hat irgendwas in dem Lande Fâl zu erledigen"
"Gibt's nicht ein paar mehr Anhaltspunkte für mich?"
"Nicht von mir. Alles Weitere erfährst du von diesem Harbeck."
"Na schön. Dann mal wieder los. Wann ist Abmarsch?"
"Nächste Woche."
"Ansonsten das Übliche?"
"Genau. Und sag deinen Leuten, dass sie die nächsten zwei Tage
frei haben."
"Wird gemacht."
"Das gilt auch für dich."
"Danke, Herr Hauptmann." *** "Zugmeister!" "Hermann!" Sehr Leise und weit entfern hörten sich
die Rufe nach ihm an, jedoch war er kaum 200 Meter vom Lager
entfernt. Außerdem hatte er sehr starke Schmerzen die aus seinem
gesamten Körper zu kommen schienen. So schlimm die Schmerzen auch
waren, etwas Gutes hatten sie, er wusste, dass er noch am Leben
war. Dann waren die Stimmen plötzlich neben ihm: "Hier ist er!"
"Schnell! Er sieht schlimm aus!" "Lebt er noch?"
"Ja, aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren" Dann spürte er
nichts mehr. Als er wieder zu sich kam lag er im Lager und eine
Gestalt sagte zu ihm: "So das wird gleich mächtig wehtun, aber ich
muss das Bein richten." Der Heiler zog, drehte und schob und die
Schmerzen wurden für einen kurzen Moment unerträglich, aber
plötzlich setzte Besserung ein. Einige Zeit später hörte er eine
ihm sehr bekannte Stimme: "Herr Zugmeister! Herr Zugmeister, ich
melde Lager gesichert, alle Verwundeten sind hier." Es war Hans,
einer seiner einfachen Soldaten. Aber wenn Hans ihm diese Meldung
machte, was war dann mit seinen Unteroffizieren geschehen? Waren
auch sie verwundet oder gar tot? Unter schmerzen und sehr leise
begann er zu sprechen: "Hans, was ist mit meinen Leuten? Leben
alle noch? Ist jemand gefallen? Was ist mit dem Feind?" Die
Antwort kam zögernd: "Drei Mann sind tot. Alle anderen sind mehr
oder weniger schwer verletzt. Die leichtverletzten sichern das
Lager mit der Unterstützung einiger anderer Kämpfer, die sich in
unser Lager zurückgezogen haben. Von den Untoten ist nichts mehr
zu sehen." Drei seiner Leute waren also gefallen, aber wenn die
Untoten fort waren konnten sie vielleicht bald von diesem
verfluchten Ort aufbrechen. Er wollte so gerne zurück nach Hause,
weg von diesem Ort Namens Kaerb Tuo in der Baronie Elimar im Lande
Fal. Es wurde wieder dunkel um ihn. ***
Nach vielen Monaten waren sie wieder zu Hause in Metzarum und er
meldete sich wie so oft beim Hauptmann. Dieser begrüßte ihn auf
die altbekannte Weise, die ihm so gar nicht gefiel: "Ah,
Klauenbeil! Komm rein, ich hab da wieder was für dich..."
 |