Hans Forkenburger von Greifenheim


Der Soldat sah seinen zugewiesenen Ausbilder verständnislos an und zögerte. Er wusste nicht, ob er den Sattel weglegen sollte, um erste die Pferde trocken zu reiben und dann den Sattel zum Stallmeister zu bringen oder erst der Sattel und dann die Pferde. Die anfängliche Irritation, wich nun einer verbalen Hysterie, welche sich dadurch ausdrückte, dass der Soldat nun begann völlig sinnlose Erklärungen abzugeben, die sein nahes Handeln rechtfertigen sollten. Doch als der glasige Blick des vor ihm stehenden Korporals nicht von ihm wich, verstummte er abrupt und senkte seine Augen demütig zu Boden. "Was haben wir ihnen am ersten Tag im Stall gesagt?" fragte der vor ihm stehende Ausbilder. "Erst der Sattel, damit der Stallmeister Vollzähligkeit machen kann!" antwortete der Soldat und verschwand wie der Blitz mit dem Sattel, um kurz danach wieder zu erscheinen. Er begann nun eifrig sein Pferd mit dem auf dem Boden liegendem Stroh abzuwischen. Hin und wieder huschte sein Blick herüber zu seinem Ausbilder, der ihn mit abwesenden Augen betrachtete.

Komisch, dachte er sich, genau so habe ich mich verhalten in den ersten Wochen. Plötzlich musste er an seine Anfänge in der Armee denken. Und er schmunzelte, denn genauso wie dieser junge Soldat hatte er sich auch verhalten. Er war von seinen Eltern gesandt worden, um im Alter von 17 Jahren am 01. des Premus im Jahre des Raben in die königliche Armee von Eredia einzutreten, um dort den Willen seiner Eltern und seines Onkels, dem Grafen Mutz Elback von Greifenheim, zu erfüllen und nicht nur ein vorbildlicher Soldat zu werden, sondern ein Offizier. Damals konnte er noch nicht abschätzen, welche unermessliche Ehre und welch hohe Bürde ihm mit der Erlaubnis des Königs zu einer Offiziersausbildung zu teil geworden war. Er hatte sein ganzes Leben lang seit meiner Geburt am 02. Grold im Jahr der tanzenden Flüsse eingebläut bekommen, alles perfekt zu machen und mit absoluter Hingabe seine Aufgaben zu erfüllen. "Wenn du Marschall wirst, ist das gerade gut genug!" hatte sein Vater immer gesagt; was ehr scherzhaft gemeint war, war doch durchzogen mit der stillen aber beharrlichen Botschaft: Wenn du uns enttäuschst, bringt das Schande über die Familie. Sein Vater war es auch, der ihn seit er denken konnte unterrichtet hatte. Geschichte, Lesen und Schreiben, Grundlagen der Mathematik und viel über Land, Leute und das Benehmen in den vornehmeren Kreisen, denen zwar der Zutritt der Familie Forkenburger durch ihre Verwandtschaft mit dem Grafen von Greifenheim nicht verwehrt war, aber über das Zusammenkommen ihm kleinen Landadligen Kreis nicht heraus kam.

Und so ging der junge Hans Forkenburger mit einem völlig verkrampften Körper und hellwachem Geist, bereit alles so gewissenhaft als möglich zu erfüllen, am 01. Premus im Jahr des Raben auf wackligen Beinen auf den Posten am gewaltigen Tor des ersten Zwingers der mächtigen und bedrohlichen Ellinggeat Feste zu.
Drei Dinge bewegten den etwas hilflos wirkenden jungen Mann in seinen einfachen Bürgerkleidern, die so wenig an diesen Ort gehörten, wie ein weißes Schaf in einen Wolfsrudel. Zum einen den Druck und die hohen Erwartungen, welche seine Familie an ihn stellte. Zum anderen die nahe Grenze zum Nachbarn, den Lawegonen. Zwar wohnte er in Greifenheim viel näher an der Grenze, aber dort im Süden war die Spannung bei weitem nicht so hoch und die Lage so bedrohlich wie auf diesem Hügel vor den Wäldern, welche sein geliebtes Heimatland von dem der Feinde trennte.
Und schließlich seine neue Heimat die Ellinggeat Feste. Auf dem Weg von Metzarum, der sich den Berg entlang schlängelte hinauf zur Festung, musste er sich mehrere Male um drehen, um sicher zu gehen, dass er nicht träumte, sondern er tatsächlich sah was da vor ihm war: So etwas hatte er noch nie gesehen. Die Festung war das größte und furchteinlößenste, was er je gesehen hatte. Schwarz wie die Nacht und gewaltig wie ein Felsen. Es lies ihn mehrere Male erschüttern als ihm gewahr wurde, dass er von nun an dort leben sollte und er kam sich verloren vor.

Doch ich bin durch das verdammt Tor gegangen und habe es durchgezogen! dachte er sich nun und wies den Soldaten an seine Tätigkeit einzustellen und das Pferd nun zu füttern.
Er hatte es durchgezogen. Und der anfängliche Übereifer, die überflüssige Motivation und die dadurch teilweise resultierende Aufgeregtheit, wie er sie gerade bei dem ihm anvertrauten Soldaten erkannt hatte, wich nach den ersten Wochen schnell einer ruhigen aber bestimmenden Haltung, die ihm bis heute geblieben war.

Maßgeblich daran beteiligt war sein erster Lanzenführer Truppmeister Herman Klauenbeil, der vor einiger Zeit sein Glevenführer geworden war. Er war der Ausbilder, der ihn damals zum Soldaten gemacht hatte und ihm die nötigen Grundlagen des Soldaten Lebens vermittelt hatte. Bis heute war Forkenburger in Klauenbeils Einheit und erlebte viel mit ihm.
Auch wenn die Gleve Klauenbeil schon viel im Grenzland durchgemacht hatte und dort immer wieder auf Patrouille war, um sich kleine Scharmützel mit den lawegonischen Grenzern zu liefern, die immer wieder die Gesprächsthemen der Runden am Lagerfeuer lieferten, war doch ein Einsatz bisher der einschneidenste im Leben des Hans Forkenburgers: Der Auftrag in Elimar. Eigentlich sollte die Gleve, welche schon öfters für solch delikaten Missionen herangezogen wurden war, nur den Handelsherrn Ludolf von Mutzlar zu einem Ort Namens Kaerb Tuo in der Baronie Elimar im Lande Fal eskortieren, der dort bei einer Feierlichkeit teilnehmen sollte. Was sich als netter Ausflug in ein exotisches Land angekündigt hatte, endete in eine Fahrt durch die Hallen Dails. Noch nie zuvor war das Leben von ihm so bedroht gewesen, noch nie zuvor hatte er mit ansehen müssen wie einer seiner Kameraden und engsten Freunde sterbend am Boden lag und im Angesichte Dails stumm nach seiner Mutter rief.

"Gustavsen du links, Forkenburger sichert!" Die Angst stand Zugmeister Klauenbeil ins Gesicht geschrieben. "Tobus, was soll ich machen?" fragte ich meinen Bruder, der als Truppmeister den Befehl über die erste Lanze hatte. "Sicher die rechte Flanke der Lanze, Hans!" Ich drehte mich wieder um. Dunkelheit. Die Nacht war durchdrungen von wildem Gefauche und Grunzen. Schrei von gepeinigten und mit dem Todringenden Menschen drangen an mein Ohr. Plötzlich sprang mich durch die Dunkelheit eine Gestalt an und riss mich zu Boden. In Todesangst und mit der Kraft eines Erschrockenen stieß ich das wild um sich schlagende Stück Fleisch von mir weg. Es war ein Mensch, die Augen weit aufgerissen. "Sie kommen, sie kommen! Wir sind des Todes, keiner kann sie aufhalten, Rette sich wer kann! Rette sich wer kann!!!" Schon war er wieder verschwunden. "Weiter beobachten!" befahl die bestimmende Stimme meines Bruders. Ich drehte mich um. Meine Augen waren weit aufgerissen und mit der Gewissheit bald tot zu sein sah ich in die wilden Fratzen Menschenfleisch lüsternder, sich windender und wild fauchender kleiner Teufel. Hinter mir hörte ich Gebrüll und das Klirren von Klingen auf einander. Bevor ich Alarm geben konnte griffen sie an, …

Dieses Knacken von kleinen, brechenden Ärmchen, wenn mein Schwert die nächste Welle abwehrte, kann ich nicht vergessen. Niemand könnte das.
Als wir nach etlichen Kilometern und unzähligen Schritten wieder die Tore der Festung, unserer Heimat, durchschritten, sprach kaum jemand über diese Nacht, die uns alle verändert hatte.
Selbst du Beförderung zum Korporal und die Auszeichnung mit dem Morgenstern Orden konnten nicht über die unzähligen Narben hinweghelfen. Vor allem nicht die im Geiste.

"Herr von Greifenheim, ich bin jetzt fertig. Soll ich schon mal mit ihrem Pferd anfangen?" "Was, ach … ähm … nein. Ich mach das selber. Sie haben für heute Dienstunterbrechung. Wegtreten!"
So war er alleine im Stall und dachte noch eine ganze Weile über dies alles nach.
Nachher würde er noch zu Klauenbeil gehen und mit ihm über die neuen Soldaten reden. Aber jetzt musste er erst mal sein Pferd versorgen.

Am 26. Brecolia im Jahr der Sonne wurde ich zum Fahnenjunker befördert, was eine sehr große Ehre für mich war. Außerdem habe ich das Kommando über die Späh Lanze des EEK bekommen und bin verantwortlich für drei Soldaten.
 

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