Der Waller von Ostander

  
Im kühlen Andergrunde sollen viele Fische und Frösche als Aedaris Geschöpfe aus reinem Wasser entstehen, doch keines von ihnen ist wohl berühmter und berüchtigter als der Waller von Ostander, von dem diese Mär erzählen möchte. Und es sei gesagt, dass sie womöglich grausiger ist, als das jähe Ende des Fischers Henk von Pier Zwei, den die Büttel von Friedeslar in einem Juttesack im Ander versenkten.

Diese Geschichte trug sich in den Jahren zu, als Sinbaron I. erédischer König war. Damals wie heute wurde im Ander gefischt. Wohl schmackhaft waren die Forellen, aber auch die garstigen Hechte und die flinken Barsche. Tief in des Flussbettes alten Schlamm, der wohl nur wenig jünger als der Gott Aedari ist, vergraben sich jedoch die Waller, die man auch Welse nennt. Am nördlichen Ufer des Anders lag schon damals die Fischersiedlung Ostander, wohl schon dem Geschlechte des heutigen Grafen als Lehen gegeben. In einer strohbedeckten Hütte am Fluss wohnte der Fischer Reinhold mit Weib und Kindern. Vor der Kobe am Ufer lag das hölzerne Floß mit den Rudern und dem schweren Ankerstein. Eines Tages machte sich der Fischer Reinhold wieder daran sein Tagewerk zu verichten, um so das täglich Brot für sich und die Seinigen zu verdienen. Von einem Bauer, der am Morgen dem Grafen von Ostander als Zehnt ein Rind geschlachtet hatte, hatte sich Reinhold den Kuhkopf als Köder geholt. Mit diesem gehörnten, Fleisch bedeckten Schädel wollte Reinhold die Aale ködern. Nun muss man wissen, dass Aale gar widerliche Fische sind, die manche Gelehrte der Akademie zu Metzarum bereits zu den Würmern zählen. Dieser elenden Aale haben nämlich eine Vorliebe für totes Fleisch von Tieren wie Menschen, und wie Krähen und Bluthunde folgen sie den Blutspuren, bis sie sich im Fleische suhlen können. Nun ködern gewitzte Fischer seit alters her die Aale, die geräuchert recht schmackhaft munden sollen, mit den Köpfen von Pferden und Rindern. Die Aale verkriechen sich nämlich vom toten Blut angelockt in allen Öffnungen des Schädels und bohren sich durch Augen und Ohren bis in das Hirn. Als bald muss dann der Fischer den Kopf an einem Seil auf sein Floß ziehen und die glitschigen sich unwillig ringelnden Aale herausziehen.

Genau auf diese Weise wollte nun auch Fischer Reinhold zur Tat schreiten. Er paddelte sein Floß in die Mitte des Flusses und warf den angeketteten Ankerstein in die Tiefen. Zuvor hatte er schon mit einem fingerdicken Hanfseil den Rinderkopf an den Hörnern umschlugen, nun warf er das elende Stück Fleisch in den Ander. Nun wartete Reinhold gut eine Stunde, denn so gab er den widerlichen Fischen zeit sich tief in den Schädel zu aalen. Dann zog er denn plötzlich sonder schweren Kopf wieder heraus. Beinahe hätte es ihn den Ander gezogen, denn ein mächtiger Waller zog an dem Seil. Mit einem Ruck befand sich der Kuhkopf auf dem Floß und hinterdrein der mehr als mannsgroße Waller mit seinen langen Barteln und den von Algen bewachsenen Flossen. Da griff Reinhold zum Messer und rammte es dem Biest in den Schädel, worauf dieses, den Kuhkopf an Bord lassend, sich mit der Klinge zwischen den Augen in die Tiefe stürzte.

Einige Monate später ergab es sich, dass Fischer Reinhold mit seinem Weib und den Kindern das Floß klarmachte, denn Reinholds Schwester vermählte sich diesen Tag mit einem Fährmann in Anderporth. Da Reinhold bis zum Abend gearbeitet hatte, war es schon dunkel, als er die Ruder in die Hand nahm. Wie die Hochzeitsgäste die Mitte des Anders erreicht hatten, erfüllte auf einmal ein Brausen die Wasseroberfläche. Voran kam das Flussgespenst, ein fürchterliches Gerippe, in einem morschen halben Boot gefahren und zwischen den kalten Augen hing noch immer Reinholds Messer, denn der Waller, den Reinhold heraufgezogen hatte, war die Tagesgestalt jenes Unholds. Nun breschten die Wellen hoch und zahllose Aale krochen auf Reinholds Floß, denn Rache wollte es üben an den Lebenden. Da würgten die Aale des Fischers Weib und sie fiel in das brausende Wasser. Reinhold hielt sich mit den Kindern noch immer an den Tauen, doch der gestörte Geist gab keine Ruhe. Nun machte sich Reinhold auf sich selbst zu opfern, um die Kinder zu retten. Er sprang über Bord und sofort ruhte der Fluss und die Aale verschwanden im tiefen Grund des Anders. Reinhold schwamm zum Halbboot des Unholdes, stand dort auf und zog dem Draugen das Messer heraus, worauf das Boot samt Geist und Fischer im tiefen Wasser sein Grab fand.
Die noch jungen Kinder nun trieben auf dem Floß flussabwärts und wurden in Friedeslar an Land gezogen, wo sich ein mitfühlender Spießbürger erbarmte und die Söhne und Töchter von Reinhold dem Fischer als die seinen annahm.
 


 

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