Nördliche Sondthsaga
 

Es war vor vielen Altern, als der Traven Ahnen noch weit jenseits der nördlichen Meere lebten. Sie waren damals ein Volk von einfachen Bauern, die die Seefahrt nicht kannten, doch sie waren gesegneter als jemals später, denn oft wandelten die Unsterblichen unter ihnen und machten die alte Heimat zu einem Land fruchtbarer Schollen und friedlicher Scheunen. Dies ist eine Geschichte aus jenen Tagen, deren Glanz noch heute besungen wird.

Es war Herbst und Njylagodr, der Heer der Wässer und der großen See, lud alle Sänger zum Feste, denn mit einem großen Gesang wollte er den winterlichen Sternenhimmel begrüßen, der sich in seinem blauen Reich spiegelte. So lud er ein zum Sängerfest auf hoher See. Und es kamen die Nixen und das Seehundvolk, die schreienden Möwen und die trompetenden Walfische. Auch Sondth, der größte aller Sänger machte sich auf um sein Können zu beweisen. Er segelte fort von der Küste zur hohen See, dorthin wo das Auge kein Ufer mehr findet. Er folgte allein dem Ruf der großen Muschelhörner, die Njylagodr vor dem Feste ertönen ließ. Dail jedoch, der ebenfalls für seine lange Lieder gerühmt war, sagte jedoch ab, er sandte aber Njylagodr einen Rätselspruch: „Wer misst, der wird missen.“

Wie Sondth so über die Wellen fuhr, bemerkte ihn die große Seeschlange, jenes größte aller Geschöpfe in den Fluten, jenes grausige Tier, das älter war als die Götter selbst. Es lebte tief unten im düsteren, endlosen Wasser der grundlosen See und es leckte sich die spitzen Zähne nach Sondth, dem Schönsten im ganzen Göttergeschlecht. Und so nahm das mächtige Schicksal seinen Lauf.
Die riesige Seeschlange sprang aus den Tiefen, ihr einziges Ziel war es das zu verschlingen, was nicht sie selbst war, denn sie sehnte sich nach jenen Urzeiten, als sie allein mit dem dunklen Wasser war. Mit ihrem grauenvollen Maul verschlang sie Sondth mitsamt seinem leichten Boot. So kam nicht nur Trauer sondern auch Unglück über Himmel und Erde, über Götter und Sterbliche. Einige Seeschwalben sahen die gierige Schandtat der Schlange. Sie flogen in alle Richtungen des Himmels und hüllten sich in ein Kleid aus schwarzen Federn als Zeichen ihrer Trauer, fortan waren sie die Trauerseeschwalben genannt. Jenseits der Wolken trafen sie auf Solwinn, des Verschlungenen Tochter. Sie verstand die Sprache der Vögel und schickte ihre dreizehn geflügelten Boten, die Ängla, aus, um Himmel und Erde vom Tod ihres Vaters zu berichten.

Einer der Ängla flog zu Njylagodr und überbrachte die traurige Nachricht. Er beendete das fröhliche Fest auf den Wellen. Allein das dicke Walross hatte schon vorgesungen. Njylagodr reichte ihm die Krone des größten Sängers. Das Walross, ein eher einfaches Geschöpf, wusste nichts esseres als sie zu verschlingen, doch die stolze Krone war zu mächtig für das Maul des Rosses und sie verhakte sich im Kiefer. So hängt die Krone den Walrössern noch heute aus dem Rachen heraus.
Ein andrer Ängl flog zu Lunnas der blendenden Sonne. Sie zog sich nun viele Stunden vom Himmel zurück um Sondth über den Meeren zu beweinen. Folglich wurden die Nächte länger
Ein Ängl überbrachte Lunnas Schwester Fionn, der Mondfrau, die Kunde und ihr silbernes Kleid ließ sie voll Zorn in die Tief des Meeres scheinen, um so die lichtscheue, alte Schlange zu strafen.
Auch zu Erinn, die dritte der Schwestern, die Herrin der Erde, wurde ein Ängl geschickt. Sie tauschte ihr grünes Kleid mit einem braunen Trauergewand und so wurden Blätter und Blumen braun.
Als Erthra, die Herrin der Felder, von einem Ängl vom Tod ihres Gatten erfuhr, schaffte sie alles fort, was sie besaß und fastete. Die süßen Früchte, die sie sonst für sich und Sondth zubereitete, verteilte sie an die Pflanzen und Bäume, sodass sie selbst und ihre Kammern das düstere Gewand der Trauer trugen, in Feldern und Wäldern waren fortan die Schätze der Erthra zu finden.

Sondths Sohn Wigagodr zog Helm und Harnisch an und schlug erfüllt von mächtigem Zorn die Kriegstrommel, nachdem ihm ein Ängl berichtet hatte.
Leann, Sondths Schwester, erfuhr es ebenfalls von einem Ängl. Die große Richterin verlor ihre Milde und wetterte gegen die Schlange. Sie sprach, man solle sie bei lebendigen Leibe aufschneiden.
Als Silto, der Vater des Sondth, von einem Ängl besucht wurde, fertige er gerade kostbaren Schmuck für sein geliebtes Weib Kianna an. Erfüllt mit Zorn zerbrach er sein Werk mit dem Schmiedehammer und schaffte Erz herbei um eine gewaltige Waffe zu schaffen, mit der man das Untier erschlagen kann.
Der König der Götter, Tiori, erhielt ebenfalls die Botschaft eines Ängls. Er sattelte den gewaltigen Himmelshengst Njoredeen und ritt hinaus um die Schlange zu strafen. Er überzog das Meer mit mächtigen Stürmen, doch die große Schlange schwamm tief unter den Wellen.
Ein Ängl erreichte Soniana und ihr Jagdgefolge, die im hohen Norden unterwegs waren. Nachdem der Ängl berichtet hatte, befahl Soniana die Verwandten der großen Meeresschlange zu vernichten. Die Jägerin und ihr Gefolge jagten und töteten alle Schlangen, die sie fanden und seither gibt in den nördlichen Weiten keine Schlangen mehr.
Ein Ängl erzählte Dyonn vom Tod Sondths und Dyonn nahm von seinem Gold das feinste und bemalte mit diesem die Blätter von Sondth Lieblingsbäumen, um den Toten zu ehren.
Als Dail einen Ängl in seiner tiefen Halle erblickte, wusste er bereits, dass sich seine Weissagung bitter erfüllt hatte, denn Sondth wandelte schon in den Hallen des Todes.
Ein Ängl kam zu den Menschen und erzählte ihnen, was mit ihrem liebsten Gott geschehen war. Die Vorfahren der Traven veranstalteten ihm zu Ehren ein großes Gelage, so wie es ihnen Sondth gelehrt hatte. Sondth opferten sie großen Mengen Met und Wein und sie selbst tranken dem Sängerfürsten zum Geleit.

So wußten nun Himmel und Erde vom Tode Sondths und Grold, der schlafende Eisriese, erwachte aus seinem Schlaf. Sondth hatte ihm immer ein Schlaflied gesungen und mit ihm schlummerte auch die Kälte und der Frost. Sein Gähnen überzog die Welt mit Raureif. Vom Himmel fiel Schnee und eisige Gletscherzungen wälzten sich von den Bergen in die Täler. Die Blumen erfroren, viele Tiere vergruben sich in Erinns warmen Schoß, was Flügel hatte flog in die warmen Länder der Mittagssonne.
Silto und Wigagodr bereiteten sich darauf vor das Untier des Meeres zu töten, ihr feuriger Zorn trotzte der Kälte. Silto hatte die besten Erze herbeigeschafft, nun fehlte ihm nur noch Holz, um für Wigagodr eine Waffe zu schmieden.
Er nahm eine große Axt und ging nordwärts durch Schnee und Eis. Dort fand er den mächtigen Skogriesen. Seine Waden waren von mächtigen Eichen, seine Augen von jungen Birken und ihm wuchs ein langer Bart aus Flechten und Misteln. Als der Skogriese den rothaarigen Axtträger sah, erschrak er und schüttelte den Schnee von seinem hölzernen Leib. Die beiden rangen viele Tage im Schnee. Der Skogriese stürzte schließlich ausgebrannt von Siltos glühenden Pranken und ausgekühlt von Grolds kaltem Atem zu Boden. Sofort fiel Silto über den am Boden liegenden mächtigen Skogriesen her und hackte ihn in mächtige Scheite. Er schaffte das Holz zu seinem Heim. Vom mächtigen Skog des Nordens blieb nur sein Blut, aus dem die rote Heide wuchs. Seit Silto den alten Skogriesen erschlug, sind große Teile des Nordens kahle Steppen.

Er nahm die Hälfte des Holzes und schichtete dies in seinen gewaltigen Schmelzofen. Aus dem besten Erze schmolz er das Eisen heraus. Diesen See von glühenden Eisen schmiedeten+ er zu Stahl. Er goss ihn in die Form einer Lanze und schlug auf sie ein, auf das sie hart und dünn wurde. So geschah das Wunder, Silto schlug die Unmengen von Eisen zu einer dünnen aber schweren, für Wigagodr aber handlichen Waffe zusammen. An der Spitze arbeite er Widerhaken ein.
Von der anderen Hälfte des Skogholzes nahm er etwas und baute ein Boot. An der Spitze des Rumpfes setze er das geschnitzte Abbild der Seeschlange, um so das Untier zu reizen.
Silto taten es seine Schüler gleich. Die Vorfahren der Traven wollten ebenfalls der Kälte entfliehen. Ihre ehemals goldnen Felder waren von Schnee bedeckt. Die klaren Bäche froren ein und selbst das Vieh begann zu erfrieren. So bauten auch sie Schiffe aus den Gebeinen des Skogriesen, das Silto ihnen geschenkt hatte. Sie fuhren übers Meer und fanden eine neue Heimat in den Hinnenlanden. Dort nannte man sie Drakkmannen, da auch an ihren Schiffen das Abbild des Meeresdrachen prangte. Für immer verließen sie das Land der Götter, doch die Götter verließen sie nicht und die Drakkmannen trugen die Götter in ihren Herzen.

Wigagodr bestieg nun das Boot. An die schwere Lanze band an ein langes Seil, welches er am Boot befestigte. Er fuhr hinauf auf die grundlose See. Die Schlange kam empor und wollte ihr Spottbild vernichten. Wigagodr schleuderte die Lanze und sie bohrte sie durch die krustigen Schuppen. Die Schlange versuchte in die Tiefen zu fliehen, doch Wigagodr zog sie mit dem Seil wieder heraus. Er zog das Biest an Bord und schnitt ihm bei lebendigen Leibe den Bauch auf, so wie Leanns Richterspruch es befohlen hatte. So wurde Sondths Tod gerächt. Schließlich weidete er das Untier aus und fand tief im stinkenden Leib Sondths gebrochene Glieder. Er warf die nun tote Schlange über Bord und segelte zurück in das Land der Götter.
Dort erwarteten ihn seine Mutter Erthra und Dail. Sie wollten den Liebling aller Götter und Menschen zurück ins Leben holen. Wigagodr hatte nur die Hälfte von Sondths Gliedern gefunden und so erneuerten Erthra und Dail die fehlenden Glieder mit Ton. Anstatt des Blutes füllte Erthra roten Wein in seine Adern. Mit einem Kuss gab sie die Seele zurück in den Leib, die sie zuvor aus Dails tiefen Hallen geholt hatte. Sondth erwachte und war fortan ewig trunken vom Wein in seinen Adern. Sofort sang er Grold in den Schlaf, und sobald der Eisriese schlummerte, schmolzen die Gletscher.
Doch Dail sprach, da Sondths Gebeine nur zur Hälfte gefunden wären, könne er nur die Hälfte eines Jahres im Land der Lebenden verbringen. Die andere Hälfte des Jahres müsse er in Dails Hallen unter den Toten wandeln. Sondth musste sich den Gesetzen des Werdens und Vergehens beugen. Im Frühjahr erwacht er von den Toten und singt Grold in den Schlaf und im Herbst kehrt er zurück in die Tiefen der Erde und Grold erwacht wieder und mit ihm der Winter. Von nun waren alle Jahre in den warmen Sommer und den kalten Winter geteilt und jedes Jahr wiederholt sich das Trauerspiel unter den Unsterblichen.


 

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