Sammlung erédischer Volkssagen - Teil 2

zusammengetragen von Helmfried Bachläufer


Das jammernde Irrlicht

Ein Jägerbursche sah jeden Abend, wenn er nach Hause ging, ein Irrlicht, das folgte ihm auf seinem ganzen Weg und flehte mit jammernder Stimme um Erbarmung, weil er zu seiner Erlösung ausersehen sei. Aber der Jäger war ein rauer Geselle und achtete nicht, nur nicht auf das Flehen des Geistes, sondern verspottete und verhöhnte ihn noch gar. An einem recht kalten und dunklen Winterabend bat der Geist ihn dringender und flehender als je vorher. Zürnend über das Klagen und fortgesetzte Jammern griff der Jäger zu seinem Bogen und spannte ihn mit einem Pfeil und schoss auf das Irrlicht. In diesem Moment ertönte ein furchtbarer Klageruf und das Irrlicht war verschwunden. Den Jäger ergriff ein eiskalter Schauer, er eilte nach Hause, wie gepeitscht von unsichtbaren Händen, matt und kraftlos kam er an und warf sich auf sein Bett. Am folgenden Morgen fand man ihn kalt und tot.


Die wandernde Laterne

Ein Mann aus Carveningen kam mit einem zweispännigen Wagen des Weges von Anderporth daher. Als er in einem Hohlweg zwischen den beiden Orten anlangte, wollten die Pferde plötzlich nicht weiter, wie er sie auch streichelte und schlug. Schließlich rief er ungeduldig: "Tiori weiß, was das sein soll, ich weiß es nicht. Der mag mir helfen, ich kann es nicht." Da sah er von fern ein Licht, wie das einer Laterne, das kam immer näher und näher, sprang endlich mit einem tüchtigen Satz über Pferde und Wagen hinweg und setzte sich hinten auf denselben. Zugleich zogen die Pferde an und der Bauer konnte weiter. Es war ihm aber so unheimlich, dass er in einem fort betete und je mehr er betete, umso lustiger zogen und liefen die Pferde. Als er in seinem Hofe anlangte, sprang das Lichtchen wieder vom Wagen weg und durch das Hoftor, worauf es auf der Straße verschwand.


Der eingemauerte Geist

Ein hoher Herr, der überhaupt einen sehr bösen Lebenswandel führte, hatte ein Mädchen verführt und sie dann mit einem seiner Diener verheiratet. Dieser aber lockte die Arme in den Keller und ermordete sie. Seitdem ging sie im Hause um und ließ keinem Ruhe, weder bei Tag noch bei Nacht und trieb es so arg, dass ewig Hader und Streit da war. Endlich wurde ein Priester beschieden, der mit der Götter Hilfe den Geist beschwören sollte und ihn in eine Kammer bannte, deren Fenster alsbald vermauert wurden. Da haust er denn bis zu diesem Tage.


Das schwere Laub

Eine alte Frau ging in den Wald bei Dyrelond um Laub zu lesen. Während sie damit beschäftigt war, kam ein Mann zu ihr, den sie nie zuvor gesehen hatte. Dieser fragte sie dieses und jenes und lacht immer dazu, wenn sie antwortete, bis sie ihm keine Antwort mehr gab; da war er plötzlich verschwunden. Als sie nun das Laub zusammengebunden und auf den Kopf geladen hatte, um es nach Hause zu tragen, wurde es ihr mit jedem Schritt den sie tat, schwerer, so dass sie zuletzt kaum mehr fort konnte, das Bündel hinwarf und sprach: "Entweder ist das Laub nasser als ich geglaubt hatte, oder es liegt ein Stein im Bund." Sie löste die Knoten, um das nasse Laub auszulesen, da siehe sprang ein Klotz heraus, der rollte den Berg hinab und ehe sie sich's versah stand am Fuß desselben ein schmucker Jäger, der lachte. Da merkte sie, dass ein Geist ihr einen Streich gespielt hatte, schürzte die Knoten wieder und trug das nun leichte Bund so rasch nach Hause, als es ihre alten Beine erlaubten, denn jetzt wurde es ihr doch ängstlich in dem stillen, einsamen Wald.

Hund und Esel

Irgendwo in Weidelsberg liegt ein Schatz vergraben, der wird von einem Hund und einem Esel bewacht, die einander gar zugetan sind und auch keinen Menschen Leides zufügen. Allemal in der Neujahrsnacht zählen sie ihren Schatz nach Talern, Greifen und Hellern, ob noch alles seine Richtigkeit hat und auch dabei vertragen sie sich aufs beste. Wer nun in der Neujahrsnacht dazu käme und den Schatz haben wollte, dem würden sie mit Freuden alles geben, weil sie dann selbst erlöst wären, aber es hat's noch keiner wagen wollen.


Ein Schatz verschwindet

Eine Frau in Rieda arbeitete im Frühjahr in ihrem Garten und traf auf ein Plätzchen, was gerade aussah, wie ein Maulwurfshügel. Als sie da hinein hackte, kam ihr plötzlich eine Menge von Goldstücken entgegengerollt. Schnell rief sie ihren Mann, der ebenfalls im Garten arbeitet zu: "Sieh doch das Geld!" Doch im selben Augenblick verschwand der Schatz und als der Mann kam, fand er nichts und sagte, sie sei eine Närrin und ging wieder an seine Arbeit. Da hackte sie noch einmal in den Maulwurfshügel, die Goldstücke rollten ihr abermals zu Füßen und sie rief wieder: "Komm schnell, da ist's wieder!" Aber zugleich verschwand der Schatz, wie das erstemal. So ging es ihr noch ein drittes Mal. Da sagte der Mann, dem die Sache doch bedenklich wurde, sie solle jetzt schweigen und nur winken, wenn es wiederkäme und sie hackte noch viele Male, aber der Schatz ließ sich nicht wieder blicken.


Das Drachenloch

Zwischen Hohencarven und Carveningen sieht man eine in den Basalt eingehende Höhlung, deren Öffnung rund und von einem Fuß im Durchmesser ist, bei einer Tiefe von etwa zehn bis zwölf Fuß. In uralten Zeiten hielt sich in derselben ein Drache auf, der von Zeit zu Zeit hervorkroch und im Ander Wasser trank. Der Drache war so lang, dass während er im Ander trank, sein Schwanz noch in der Höhlung steckte.


Die Stimme aus dem Brunnen

In Altenhasungen befindet sich ein alter Brunnen. Vor alter Zeit hat sich ein Trave und das Jahr darauf auch dessen Kind in den Brunnen hineingestürzt. Seitdem fordert der Brunnen jedes Jahr sein Opfer und wenn es sich einmal ereignet, dass sich in einem Jahr niemand hineinstürzt, so ruft es, wenn ihm jemand nahe kommt, mit sehr vernehmlicher Stimme von unten herauf: "Komm herunter! Komm herunter!" Der, der dann in der Nähe ist, muss sich hineinstürzen.


Das eingemauerte Kindermädchen

Einmal sollte ein Kind der Familie von Hellensberg von seiner Amme entwöhnt werden. Diese wurde fortgeschickt und statt ihrer ein Kindermädchen angenommen, ein braves, unschuldiges Blut, dem das Kleine ganz übergeben wurde, denn die Herrschaft musste gerade zu dieser Zeit wohin verreisen. Das Kind wollte aber gar nichts von der neuen und ungewohnten Nahrung wissen, es verlangte nach der Brust der Amme und schrie Tag und Nacht. Das arme Mädchen war trostlos und wusste sich gar nicht mehr zu helfen, bis es zuletzt das Kind an seine eigene Brust legte und siehe da, es wurde still und zog Milch und blickte das Mädchen so freundlich an, dass es nicht widerstehen konnte und ihm alle Tage seine Brust reichte. Als die Herrschaft kurz darauf zurückkehrte, erzählte das Mädchen ihr in seiner Unschuld alles, wie es sich begeben hatte, aber statt Dank zu ernten, nannte der Herr von Hellensberg sie eine leichtfertige Dirne und befahl, sie sofort zur Strafe lebendig einzumauern. Dies geschah auch, wie sehr sie jammerte und um ihr Leben bat.
Seitdem war es in dem Zimmer, wo sie vermauert worden war und wo man noch heute die Nische, in der sie ihr unschuldiges Leben aushauchte, sieht, nicht mehr geheuer und man sah oft einen feurigen Hund, der daraus hervorkam und durch das Haus lief.


Der Ritter, der sein Weib ermordete

Ein Ritter, der vor vielen hundert Jahren lebte, war ein wilder Kämpfer, der wohl Schlacht und Jagd liebte, aber die Frauen nicht leiden konnte. Einst war er auf einem Turnier und streckte dort nach seiner Gewohnheit alle Ritter in den Staub. Dafür erhielt er den Preis von der Hand eines Edelfräuleins und das war so schön, dass es ihres Gleichen nicht gab und, dass selbst des wilden Ritters Herz von ihr geführt wurde und in Liebe zu ihr entbrannte. Er war nicht gewohnt, lange Umschweife zu machen, sondern gestand ihr noch am selben Tag seine Liebe und da er seiner Tapferkeit wegen hochberühmt und ein stattlicher, schöner Mann war, so ließ sich das Fräulein leicht blenden und gab ihm ihre Hand. Da war nun großer Jubel auf der Burg des Ritters und das Tal hallte wieder von nie gekanntem Leben.
Einige Zeit ging alles gut und der Ritter schien ein ganz anderer geworden zu sein, man sah ihn kaum mehr bei Turnieren und Jagden. Da wollte es das Unglück, dass er eines Tages mit einem seiner Nachbarn in Fehde geriet. Seine ganze leidenschaftliche Rauflust erwachte in ihm und er war wieder ganz der alte, wilde Kämpe. Als er wegziehen wollte, hing sich sein Weib an ihn und konnte sich nicht von ihm trennen, aber rau, wie er war, stieß er sie fluchend von sich und stürzte hinaus. Sie war jedoch gerade gesegneten Leibes und der Stoß, den er ihr gegeben hatte, warf sie auf die Erde; sie gebar noch am selben Tag ein totes Kind und starb in den Wehen.
Der Ritter lag unterdessen vor der Burg seines Feindes. Da sah er in der Nacht eine bleiche, weiße Gestalt aus der Ferne heranschweben. Sie kam näher und mit gesträubtem Haar erkannte er seine tote Frau, ihr totes Kind auf dem Arm. Sie sprach: "Du hast Weib und Kind deiner Kampflust geopfert, so fluche ich dir, dass du kämpfend immerdar umziehst und dem Lande Krieg und Frieden verkündest." Dieser Fluch ging in Erfüllung und so wurde der Ritter der Kriegsbote für das ganze Reich.


Das Geisterheer

Bei Hellinggoth beobachtete man einst eine wundersame Erscheinung:
Ein Bauer, der nach Hause wollte, sah in der Nähe des Ortes mehrer Gleven Reiter in kohlpechschwarzer Rüstung. Er eilte schnell in den Ort und zeigte die Sache an und die Bauern zogen mit einem Priester, insgesamt mehr als hundert Personen, aus und bemerkten, wie sich die Gleven in voller Schlachtordnung aufstellten. Dann trat aus jedem Haufen ein langer schwarzer Mann heraus, der eine weiße Hahnenfeder am Hut trug. Diese stiegen von ihren Pferden ab, gingen an den verschiedenen Haufen hin und her, musterten sie genau und schwangen sich wieder auf ihre Rösser. Dann rückten die Gleven gegeneinander los und erfüllten und durchzogen das ganze Feld. Darüber wurde es Nacht und sie verschwanden nach und nach.
 

[ Sitemap ] [ Impressum ], ©Vergessene Welten e.V.