Sammlung erédischer Volkssagen - Teil 1

zusammengetragen von Helmfried Bachläufer


Die tote Frau auf dem Falkenstein

Ein Bauer träumte, es kämen mehrere vornehme Damen in einer Kutsche vor sein Bett gefahren und gäben ihm einen bestimmten Ort an, wohin er kommen solle und zwar mit einer Hacke und einem Sack, der aus Garn gewoben sein müsse, das ein siebenjähriges Kind gesponnen habe. Nachdem er sich einen solchen Sack verschafft hatte, kam er zu der festgesetzten Stunde hin und fand die Damen schon seiner harrend; es war an dem Markstein vor dem Falkenstein. Der Frauen waren zwei, beide gar schön und ganz in weiß gekleidet, die gingen ihm voran auf den Berg zu. Sie führten ihn zu einer bestimmten Stelle auf dem Berg, wo sie ihn ein Loch hacken ließen. Er ging herzhaft an die Arbeit und es dauerte keine Viertelstunde, als er eine weiche Masse fühlte. Er griff einmal mit der Hand hin und da war es das Gesicht eines toten Körpers. Er nahm all seinen Mut zusammen und entblößte den Leichnam, in welchem er eine Frau erkannte, von der Erde. "Jetzt steck die Leiche in den Sack," sprachen die beiden Damen, doch da ergriff den Bauern eine solche Angst, dass er Hals über Kopf davon lief. Zu Hause fiel er ohnmächtig hin und verfiel bald darauf in Wahnsinn.


Wie einmal ein Alb gefangen wurde

In Tegelingen hatte ein Färber Nachts keine Ruhe vor dem Alb, war das endlich müd und nahm sich vor, wenn er wieder käme, dann wolle er ihn packen, um zu sehen, wer ihn den Tort antue. In der folgenden Nacht kam der Alb nach gewohnter Weise, ihn zu plagen; er aber fasste schnell seine Decke zusammen, holte sein Licht, welches er schon bereit gestellt hatte und öffnete vorsichtig die Decke und was fand er? Einen Pantoffel. "Gut," sprach er, "du sollst mich nicht wieder pantoffeln," nahm Hammer und Nägel und nagelte den Pantoffel an die Tür, und als er Morgens aufstand, was fand er? Seine Frau, die mit einem Ohr an der Tür festgenagelt hing.


Der Alb aus der Fremde

In Mittelgoth war ein Bursche, der jede Nacht so von einem Alb gedrückt wurde, dass er ganz dahinschwand. Sein Vater beschloss den Alb zu fangen. Er schnitzte einen hölzernen Pfropf, der genau auf das Schlüsselloch passte, durch welches der Bursche schon mehrmals ein Ding wie ein Mäuslein hatte hereinschlüpfen sehen. Die Nacht schlief er neben seinen Sohn und als der wieder zu ächzen und zu stöhnen anfing, sprang er rasch aus dem Bett und verschloss das Schlüsselloch. Als es hell wurde, sahen sie, was sie gefangen hatten, es war ein nacktes Mägdlein, so wunderschön und lieblich, wie sie noch keines zuvor gesehen hatten. Sie weinte sehr und wusste nicht, wie sie hierher gekommen war, soweit weg von zu Hause. Der Bursche aber ließ ihr schöne Kleider machen und nahm sie zum Weibe.
Als er nun über ein Jahr lang glücklich mit ihr gelebt und ein Kind von ihr bekommen hatte, drang sie eines Tages gar sehr in ihren Mann, er möge doch den Pfropf aus dem Schlüsselloch nehmen. Er tat es und im nu war sie verschwunden.
Nach drei Jahren, als er längst alle Hoffnungen aufgegeben hatte, sein Weib wieder zu sehen, kam eines Tages eine prächtige, mit sechs Rappen bespannte Kutsche zum Ort hereingefahren und hielt vor dem Haus des verlassenen Ehemannes. Zwei Diener in stolzer Livree rissen den Schlag auf und heraus stieg eine wunderschöne Dame, welche dem Bauern um den Hals fiel und ihn als ihren Gemahl begrüßte.
Damals, als er das Schlüsselloch öffnete, war sie nach Hause geeilt und kam jetzt zurück, um ihn und ihr Kind abzuholen und zwar sechshundert Stunden weit fort in ihre Heimat.


Die verschwundene Braut

In Leugenfels fand einst eine Hochzeit statt und Alles ging lustig her. Gegen Abend vermisste man plötzlich die Braut, man suchte sie aller Orten und Enden, aber sie war nicht zu finden. Die ganze Umgegend wurde durchforscht und durchfragt, Niemand hatte die junge Frau gehört oder gesehen. Zwei Tage waren ihr Mann, ihre Eltern und Verwandten in der größten Angst und Not um sie und wussten gar nicht, was sie machen sollten. Da kam ein Bekannter aus einem benachbarten Dorf zu ihnen, nahm den Bräutigam zur Seite und sprach: "Du geh mit mir, heut noch müssen wir erfahren, was aus ihr geworden ist." So führte der Mann ihn mit sich fort nach Istha zum damaligen Scharfrichter, der war ein durchgescheiter Mann und den zogen sie zu Rat. "Ich muss mit euch an Ort und Stelle", sagte dieser; es wurde rasch ein Wagen angespannt und fort ging's gen Leugenfels. Da ließ der Scharfrichter einen Kübel Wasser bringen und vor die Haustür stellen; er schaute lange hinein, dann sprach er: "Die arme Seele ist weit fort von hier, es ist ihr angetan und sie steht eben in Ostander und schaut in den Ander. Eilen wir hin." Sofort machten sich die Männer auf den Weg nach Ostander, wo sie die arme Braut ganz geistesabwesend am Ander umherirrend fanden. Als ihr Bräutigam sie in seiner Freude laut beim Namen rief, kam sie wieder zu sich, stürzte ihm in die Arme und wusste gar nicht, dass sie so weit weg war von zu Hause.


Die Hexe, die in einem Schwein steckte

In Eschental lebte ein Bauer, den das Unglück so verfolgte, dass er bald von einem reichen zu einem armen Mann wurde. Was er säte und pflanzte ging zu Grunde und sein Vieh fiel, ein Stück nach dem anderen, so dass er endlich wohl sah, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging. Als er nun eines Abends spät noch ausging, um für seine Frau, die gerade im Kindbett lag, etwas in der Apotheke zu holen, hörte er über sich in der Luft eine, wie es ihm schien bekannte Stimme sprechen: "Nein, das darf ich ihm nicht antun, er hat ja weiter Nichts mehr als das Kind."
Als er nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau, sie solle das Kind heute Nacht zu sich nehmen, er selbe legte ein altes Schwert zu sich ins Bett und blieb wach. Um Mitternacht ging die Tür auf, eine große Sau kam herein, schnüffelte an der leeren Wiege herum und lief dann auf das Bett zu, wo die Frau mit dem Kinde lag. Da sprang der Mann heraus und hieb mit dem Schwert nach dem Schwein, welches laut grunzend entfloh. Des anderen Morgens sah der Bauer eine abgehauene Hand in der Stube liegen, mit dem Ring seiner Mutter daran. Er lief zu seiner Mutter, fand sie noch im Bett und zog die Decke weg. Da war ihr linker Arm mit blutigen Lappen umwickelt und die Hand war fort. "Ach Mutter", sprach er, "warum habt ihr mich zu einem so elenden Manne gemacht?" "Schweig nur still", sagte sie, "es soll ja alles wieder anders werden, ich bin nur dazu gezwungen worden." Von dem Tage an ging es mit dem Bauern wieder vorwärts, die alte Frau ist aber seitdem ohne Hand herumgegangen.


Der Korndrache

Ein Bauer in der Nähe von Limandor war in kurzer Zeit so reich geworden, dass er kein Ende des Geldes wusste. Die Leute tuschelten sich allerhand darüber zu, aber keiner konnte so recht klug daraus werden. Eines Tages ging der Bauer auf eine Hochzeit und da er zwei Tage auszubleiben gedachte, gab er vorher seinem Knecht alles an, wie er es im Hause gehalten wissen wollte. Unter anderem sagte er zu ihm: "Wenn die Nacht jemand ans Fenster kommt und fragt was er bringen solle, so sage Weizenkorn." Der Knecht verstand aber falsch und meinte nicht anders, als der Bauer hätte gesagt Weidenlaub. Gegen elf Uhr in der Nacht klopfte, wie der Bauer gesagt hatte, jemand an das Fenster und fragte: "Was soll ich bringen?" "Für heute Weidenlaub", antwortete der Knecht, dem die Sache doch so wunderlich vorkam, dass er nicht schlafen konnte. Gegen Mitternacht gab's auf dem Boden ein seltsames Gerispel und Genistel, das dauert eine Stund lang, dann wurde es still. Der Knecht stand Todesangst aus, wagte kaum zu atmen und wünschte hundertmal den Morgen herbei. Als es Tag wurde, war sein erster Gang auf den Boden und siehe da, der lag so voll Weidenlaub, dass er sie Tür kaum öffnen konnte. Da merkte er wohl, dass der fliegende Drache dem Bauern all den Reichtum zutrug. Von dem Augenblick an war es ihm so unheimlich in dem Haus, dass er abends als der Bauer heimkehrte, seinen Lohn begehrte und am folgenden Tag sich einen anderen Dienst suchte.
Wenn man den fliegenden Drachen sieht und möchte gern wissen, was er trägt, dann braucht man nur zu sagen: "Es fährt kein Fuhrmann über Land oder Brück, er lässet seinen Zoll zurück." Dann muss er etwas fallen lassen von dem, was er trägt.


Der unheimliche Knecht

Ein Bauer auf einem Hof bei Hernetmark hatte einen Knecht, der fuhr eines Tages mit ihm in den Ort. Unterwegs kamen sie an einem Wildzaun und sahen fünf Hirsche umherspringen. Der Knecht fragte: "Sollen wir uns nicht einen Hirsch mitnehmen?" "Ja, können wir.", antwortete der Bauer, "Frag erst, ob die Hirsche still halten, bis du sie fängst." "Nun gut, wenn sie fett sind, lade ich einen auf", sagte der Knecht und trat zu den Hirschen. Da blieben die Tiere wie festgebannt stehen, der Knecht fühlt sie an und rief dem Bauern zu: "Nein, heut lass ich sie laufen, sie sind nur Haut und Knochen." "Du verstehst mehr als ich", sagte der Bauer, als der Knecht zurückkam, aber er schüttelte dabei den Kopf. Zu Hause bat der Knecht abends den Schäfer, er möge bei ihm schlafen. Das geschah, aber der Schäfer schlief nicht, denn der Knecht war ihm unheimlich geworden durch das, was der Bauer beim Essen von den Hirschen erzählt hatte. Gegen Mitternacht klopfte es an die Tür des Stalls, worin sie schliefen; sogleich sprang der Knecht aus dem Bett, öffnete die Tür ein wenig und warf einen seiner Stiefel hinaus; dann legte er sich wieder nieder. Eine halbe Stunde darauf klopfte es erneut, da warf der Knecht seinen anderen Stiefel hinaus und kroch wieder ins Bett. Abermals klopfte es an die Tür, da tat der Knecht einen tiefen Seufzer und ging selbst hinaus. Zugleich wurden die Pferde wild und stampften, als ob die Mahr sie ritte, so dass dem Schäfer die Haare zu Berge standen; der Knecht kam dieses mal nicht zurück. Morgens erzählte der Schäfer dem Bauern alles. Man suchte lange vergebens nach dem Knecht, bis man ihn endlich mit gebrochenem Genick in einem Weiher liegend fand.


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