Vom ersten Kaiser - erster Teil
Diese Geschichte spielte sich vor vielen
Jahrhunderten, manche sagen auch vor zwei Altern, bevor die heutige Zählung der
Jahre begann. Damals hatte sich die Gestalt der Welt durch die blutigen Kriege
der frühen Drakkmannen mit Rost überzogen, doch diese Geschichte stellt den
Anfang vom Ende jenes rostigen Zeitalters dar, sowie den Beginn des goldenen
Zeitalters, welches beinahe tausend Jahre andauerte. Der Anfang jenes goldenen
Alters trug sich im alten Drakken zu. Jenes Königreich der Drakken wurde
gegründet, als das siegreiche Heer verbündeter Stämme Herzog Lodomer auf einen
Schild hob und zum König ausrief. König Lodomer und seine Gefolgsmänner stiegen
von ihren Schlachtrössern und ließen sich als Bauern nieder. Weit waren sie in
den Süden vorgedrungen und hatten die fruchtlosen Steppen des Nordens hinter
sich gelassen. Nun ließ Lodomer eine Burg errichten und jene Völker, die dort
angeblich schon gelebt hatten, bevor das unheilige Reich von Nesseril vor
Urzeiten im Staube versunken war, zollten nun dem König Tribut und unterwarfen
sich durch Schwur und Eid der Krone Drakkens.
König Lodomer hatte zwei Sohne und eine Tochter.
Der älteste wurde Friedrich genannt. Nur wenig jünger war Friederike, die der
König seinem treuen Marschall Bernhard zum Weibe gab. Der jüngste Sohn hieß
Friedhelm und er war auch der letzte, denn die Königin verstarb, noch bevor sie
in den Wehen lag. Und wie das Gesinde die Königin tot in ihrem Bette fand,
erkannten sie, dass das Kind unter ihrem nun stummen Herzen noch lebendig war
und sich bemerkbar machte. Nun kamen die Hofärzte des Königs, schnitten der
toten Königin den Leib auf und nahmen das Kind aus dem Leichnam. Nun heißt es,
haben sie das Kind noch einige Monate in frisch ausgeschlachtete, noch warme
Schweineleiber gelegt, bis es die fehlende Zeit bis zur Geburt aufgeholt hatte.
Da nun aber Friedhelm, wie er wuchs und wuchs, doch nicht und nie geboren wurde,
wurde er Friedhelm der Ungeborene genannt. So wuchsen die Königskinder am Hofe
des alternden Königs Lodomer auf, und wie er verstarb, teilten sie das
Königreich in drei Teile. Friedrich, der Älteste von ihnen, er hielt den größten
Teil, das Königreich Norddrakken. Das südliche Drakken teilten sich Friedhelm
und Friederike. Friedhelm wurde der König der Ostdrakken; Königin Friederike
erhielt mit ihrem Gemahl Bernhard den Westen.
Friedhelm der Ungeborene wurde ein jähzorniger und
kriegslüsterner König. Schon bald unternahm er mit seinem Gefolge Raubzüge in
den Süden, wie es noch heute bei manchen Travenstämmen üblich ist. Weiter
südlich hatte der Drakkmanne Iselmar das Reich der Iselinger gegründet, und es
war weit fruchtbarer und prächtiger als die Königreiche der Drakken, denn in
Iselingen reiften selbst Pfirsiche und Trauben. Auch hatte sich dort im Süden
noch das alte Wissen erhalten, während im bäuerlichen Drakken die Schrift längst
vergessen war. König Iselmar nun lud die Gelehrten zu seinem Hofe, bald
schrieben sie des Königs Worte auf und vor allem lehrten sie den jungen Prinzen
Iselbert in den sieben freien Künsten. Nun aber drang Friedhelm der Ungeborene
mit seiner plündernden Horde in das friedliche Königreich ein. Sie raubten Gold
und Eisen, Rinder und Wein, ja selbst Weiber. König Iselmar hatte nun aber nur
eine kleine Schar von Kriegern um sich, denn die meisten seiner Getreuen waren
keine drakkmannischen Krieger, sondern nur Minderfreie, die nicht zur Heerfolge
verpflichtet waren. Nun plünderten die Drakken die Königsburg Iselmars,
erschlugen die Iselinger und steckten den Hof in Brand. Wie nun Friedhelm den
König des Südens erschlagen hatte, riss er den Königssohn Iselbert an sich,
schor ihm das lange Haar und machte ihn zu seinem Sklaven. Noch im Siegestaumel
schichteten die Krieger alles an Gold und Silber zu einem Haufen auf. Diesen
Hügel bestieg König Friedhelm, eine Lanze und einen Sack mit sich tragend. Diese
nun steckte er mit dem Fuß in die Schätze. Da erhob sich seine Stimme und er
sprach zu dem siegreichen Heer, er sei Friedhelm der Ungeborene, der König der
Ostdrakken und Iselinger. Nun zog er das abgeschlagene Haupt König Iselmars aus
dem Sack hervor und steckte es mit samt der Krone auf die Lanzenspitze. Nun aber
streckte er sich erneut nach dem Schädel, nahm die Krone Iselmars und setzte sie
sich selbst auf das Haupt. Diese Tat brachte nun große Furcht zu den Königen der
Drakkmannen, denn ein jeder sah den Ehrgeiz und die Ruhmessucht des Ungeborenen.
Alsbald umgab er sich mit den Gelehrten des Südens und Iselbert, Iselmars Sohn,
wurde ein Ratgeber des Königs.
König Friedhelm genoss nun aber die Reichtümer des
Südens, den schweren Wein und den müden Mohn. Auch liebte er die Jagd und mehr
noch Festgelage und die Spielleute, die seine Taten besangen. Von ähnlichem
Schlag war auch Friedrich, der König der Norddrakken. Gleichermaßen neidisch und
stolz auch seinen jüngeren Bruder lud Friedhelm den Ungeborenen zu seinem Hof in
den Norden, um am Ruhme des Bruders teilzuhaben. Friedhelm der Ungeborene zog
mit einem großen Gefolge nordwärts und erreichte den Königshof in seinem von
weißen Kamelen gezogenen Prunkwagen. Er stand im purpurnen Gewand gleich hinterm
Kutschbock. Sein langes Haar wehte frei im Wind und zwei Sklaven hielten die
beiden Kronen über seinem Haupt. Das Volk der Drakken erstaunte über den König
und seine Wunder. Mit sich brachte er Wein und Dörrobst, Geschmeide und
Kleinodien, und der Meister Iselbert verzauberte das Volk mit seinen
Kunststücken und Weisheiten, was ihm schon bald den Beinamen Ilvasmut brachte.
Die beiden Brüder gingen nun zur Jagd, von der nur einer zurückkehren sollte.
Dem König der Norddrakken sei, so heißt es, hinterrücks vom eigenen Sohne
Ludowig mit einem Speer die Brust durchbohrt worden. Friedhelm freilich erfüllte
nun das Recht und erdrosselte er den treulosen Jüngling an Ort und Stelle. Der
Jagdzug kehrte als Trauerzug zurück; und wer als Gast gekommen war, wurde nun
Herr, denn da König und Thronfolger verschieden waren, nahm Friedhelm der
Ungeborene Krone und Thron der Norddrakken an sich. Als bald jedoch scharten
sich Neider gegen den König. Ihr Anführer war Friedrichs Waffenmeister Ruprecht,
der auch der Lehrmeister Ludowigs gewesen war. Ruprecht behauptete, Friedhelm
habe seinen Herrn und seinen Schüler ermordet, doch Friedhelm der Ungeborene
widerrsprach, der Waffenmeister habe das törichte Mündel Ludowig angewiesen, den
eigenen Vater zu ermorden. Als bald schlug Friedhelm die Aufstände in
Norddrakken nieder und der alte Waffenmeister Ruprecht floh in die Steppen und
Aufnahme fand er bei Sinbaron dem Riesen, einem König finsterer Reiter.
Nun beanspruchte aber auch König Bernhard von den
Westdrakken die Thronfolge und die Königin Friedericke sprach, Friedhelm der
Ungeborene habe Bruder und Neffe eigenhändig ihres Königreiches wegen ermordet,
wie er es zuvor mit König Iselmar getan habe. Nun aber hatte Friederike ihren
Bruder der Blutschande beschuldigt und erklärte dem dreifachen König den Krieg.
Daraufhin fielen die Mannen Friedhelms von Norden und Osten her in das Reich
seiner Schwester ein und wie sie das Königspaar umzingelt hatten, fiel Bernhard
unterwürfig auf die Knie und legte die Krone Westdrakkens vor die Füße
Friedhelms des Ungeborenen. Dieser nun schlug Ruprecht das Haupt von den
Schultern und nahm die Hand seiner eigenen Schwester und setzte ihr die Krone
auf. Unverzüglich erhob Friedhelm der Ungeborene zu seiner schillerndsten Rede.
Er sprach, er sei Friedhelm der Ungeborene, doch nicht der Sohn des Königs
Lodomer. Nicht vom Fleische sei sein Vater und nun bezog er sich auf die Lehren
seines Hofmeister Iselberts Ilvasmut: Weder Feuer noch Wasser, weder der Staub
noch die Lüfte seien über ihn erhaben. Friedhelm der Ungeborene sei der Sohn
Tioris und derowegen war seine Mutter an der Schwangerschaft erlegen, denn eine
Sterbliche ertrüge nicht die Last einen Unsterblichen zu gebären. Nun ergriff er
erneut Königin Friederike und nannte sie, die Tochter König Lodomers und
verkündete sie zum Weibe zu nehmen. Dann fuhr er fort, er sei kein irdischer
König sondern ein irdischer Zögling des himmlischen Tiori, bestimmt der König
aller Drakkmannen zu sein. Mit einem Mal brach bei allen Entsetzen aus, die das
Königspaar umringten und manche raunten von Inzucht. Doch Iselbert Ilvamuts
sprach nun, Königin Friederike sei nicht die Tochter Tioris und derowegen nicht
die Schwester Friedhelms des Ungeborenen, und selbst Königin Friederike wagte es
nicht dem Weisen zu widersprechen, wenngleich er ihren Sohn Lodomer in die
Steppen verjagte, denn Friedhelm erklärte ihre Ehe mit Bernhard für ungültig und
nannte Lodomer den Bastard einer Königin, denn Bernhard war nicht von
königlicher Abstammung gewesen.
|