Der drakkmannische Klerus


Kapitel 7: Der Schamanismus

Die schamanische Tradition unter den travischen Völkern reicht weit in die vorgeschichtliche, mythische Urzeit zurück. Angeblich hat es schon jenseits des großen Meeres Schamanen gegeben. Dort, so erzählt man, habe Dail höchst selbst die ersten Schamanen in die Künste der Eingeweideschau und des Knöchelwerfens eingeweiht. Gleichsam gilt Dail selbst, als der größte und erste unter den Schamanen. Der Gott selbst ist nicht Schöpfer des Schicksals, denn die Unsterblichen selbst, sind ebenfalls dem Schicksal ausgeliefert, wenn gleich sie ein anderes als die Sterblichen haben. Zahlreiche Mythen erzählen davon, wie Dail Göttern und Helden ihr Schicksal offenbart.

In der Frühzeit des Drakkmannenreiches hatten die Schamanen jedoch zu Gunsten der Priester stark an Bedeutung verloren. Im heutigen Großherzogtum Lawegon, in Fridislar und auch in weiten Teilen Erédias haben die Schamanen daher keine Bedeutung. Lediglich im Norden des Königreiches Erédia haben die Schamanen noch ihren alten Rang. Dies liegt zweifellos darin begründet, dass hier vor allem Traven wohnen. Bei den Tegelingern und Hasungern spielen Schamanen noch eine genauso große Rolle wie bei den anderen Travenstämmen, wenn gleich auch gerade in Burghasungen zunehmend der drakkmannische Klerus an Einfluss gewinnt. Das Ende einer solchen Entwicklung kann man bereits in Limandor erkennen, denn die dortige Bevölkerung stammt ursprünglich ebenfalls von travischen Siedlern ab. Das Orakel von Limandor liegt heute voll und ganz in den Händen sesshafter Priester, denen all die urtümlichen Talismane und Fetische der Schamanen fehlen. Die berühmtesten Schamanen kommen aus den nördlichen Steppen oder wurden dort wenigstens ausgebildet, denn gerade in der weiten Leere finden sie die Ruhe, die bereits in ihnen verborgenen Talente zu entfalten.

Die Ausbildung zum Schamanen beginnt schon im Kindesalter. Erkennt ein Schamane die besondere Begabung oder Bestimmung eines Knaben, so bittet er die Eltern ihn ausbilden zu dürfen. Weigern sich die Eltern ihr Kind herzugeben, so spielt ihnen das Schicksal in der Regel übel mit, denn dies ist die Strafe, wenn man sich Dail verweigert. Das Kind wandert dann mit dem Meister durch die Lande, der ihm das Nötigste lehrt, denn das wichtigste, die göttliche Berufung, kann er ihm nur nahe bringen und nicht beibringen.
Ein Schamane ist zugleich Heiler, Zauberer und Priester. Von den Priestern unterscheidet sich der Schamane vor allem durch sein Wanderleben, doch es gibt durchaus auch einige sesshafte Schamanen. Schamanen huldigen vor allem Dail, dem Patron ihrer Zunft, doch opfern sie auch allen anderen Göttern, nicht selten sogar solchen, die nicht zum Drakkmannischen Pantheon zählen. Der Schamane hält zwar durchaus auch Fürsprache an die Götter, doch im Gegensatz zu den Priestern kümmert er sich um Geister jeglicher Art. So kann ein Schamane etwa damit betraut werden einen bösen Alb oder närrischen Kobold zu bändigen. Gleichsam versucht er auch böswillige Geister abzuwehren oder durch Opfergaben zu besänftigen. Ein Schamane kann durchaus zum Medium werden.
Schamanen verstehen sich in nahezu allen Bereichen der Mantik. Das Deuten geworfener Knöchel ist bei ihnen am Beliebetesten, doch die Deutung des Vogelfluges, der Gestirne oder der Flamme ist ebenso verbreitet. Die sicherste Methode soll jedoch die Eingeweideschau sein.
Die Heilkunst gehört ebenfalls zum Handwerk des Schamanen. Daher werden Schamanen auch besonders in der Kräuterkunde ausgebildet. Eine ebenso große Rolle spielt allerdings auch hier die Zauberei, denn für zahlreiche Krankheiten wie etwa den Hexenschuss werden dunkle Mächte verantwortlich gemacht, die es zu bannen gilt.

Schamanen spielen in der travischen Gesellschaft eine besondere Rolle. Sie gelten als die Weisen des Stammes. Ort fragen die Häuptlinge sie um Rat, wenn wichtige Entscheidungen oder Schlachten bevorstehen. Die Traven vertrauen allerdings nicht nur auf das zweite Gesicht des Schamanen, sondern wissen auch, dass diese sehr weit gereist sind und die Vielgestaltigkeit der Welt erforscht haben.
Im Süden Erédias und auch in den anderen vornehmlich drakkmannischen Reichen werden umherziehende Schamanen oft mit anderen Angehörigen des fahrenden Volkes verwechselt. Allerdings unterscheiden sich die Schamanen deutlich durch ihre lange Tradition und auch durch ihre Vertrauenswürdigkeit von den zahllosen raffgierigen Quacksalbern und Wahrsagern, die sich lediglich auf kurzweilige Gaukelei verstehen.

 

 

[ Sitemap ] [ Impressum ], ©Vergessene Welten e.V.