Der drakkmannische Klerus
Kapitel 2: Die Priesterschaft
Den größten Teil des drakkmannischen Klerus macht die Priesterschaft aus. Sowohl
in den drakkmannischen Reichen als auch bei allen Travenstammen ist das
Priestertum üblich. Die Hauptaufgabe der Priester liegt in der Ausübung der
Kulthandlungen in Tempeln und anderen heiligen Stätten. Sie leiten nicht nur den
öffentlichen Götterdienst sondern führen auch allein den Priestern erlaubte
geheime Riten durch. Ferner segnen sie je nach Gottheit die Felder, Waffen oder
auch die Kinder der Gläubigen. Ein Tempel ist in der Regel einer einzigen
Gottheit geweiht, doch die Priester des Tempels verehren auch die anderen
Götter. Gerade in Wattenberg sind aber auch Gemeinschaftstempel für das gesamte
Pantheon üblich. In Hasungen und auch bei den anderen Traven sind Tempel jedoch
nicht zu finden, weswegen die Priester der Traven oftmals auch den Schamanen
zugerechnet, auch wenn es ihnen an mantischer Begabung fehlt. Die travischen
Priester vollziehen ihre Kulte daher unter freiem Himmel, zu meist innerhalb
heiligen Haine und Steinkreise. Innerhalb der Priesterschaft gibt es keine
besonders ausgeprägte Hierarchie. Meist unterscheidet man nur zwischen bereits
geweihten Priestern und ihren Scholasten. Sofern ein Tempel von mehreren
Priestern betreut wird, wählen diese aus ihren Reihen einen Oberpriester als
Tempelvorsteher. Lediglich in den Städten wählen die Oberen der Tempel einen
Hohepriester, der dem Klerus der Stadt als Würdenträger vorsteht. Der
Hohepriester von Fridislar wird nach alter Sitte Pontifex Maximus genannt, was
allerdings keine Vormachtstellung gegenüber den anderen Hohepriestern bedeutet.
Auf Grund der hohen Anzahl an Klerikern auf der königlichen Weidelsburg wird
auch dort ein Hohepriester von den Priestern der dortigen Heiligtümer und den
Mönchen der Kanzlei gewählt. In der Regel gilt es als die Aufgabe eines
Hohepriesters einen neuen Tempel oder ein Heiligtum einzuweihen. So lange dies
nicht geschehen ist, gilt der Kult offiziell lediglich als merkwürdiger
Aberglaube. Meist war es auch der Spruch eines Hohepriester, der Bettelmönche zu
angesehen Klerikern machte.
Die meisten Priester sind auch als Lehrer tätig. Diese Tätigkeit beschränkt sich
allerdings meist auf die Theologie und Dämonologie, sowie das Trivium:
Grammatik, Rhetorik, Dialektik. Lediglich im Ilva-Tempel von Istha wird die
Medizin gelehrt. In der Vigar geweihten Halle der Helden wird die mythische
Geschichte Erédias unterrichtet. Zu einem Tempel gehört allerdings keine
öffentliche Schule. Ziel der Lehrtätigkeit ist die Ausbildung neuer Priester,
die meist der Oberpriester vornimmt. Da sich die Lehrmeinungen und Traditionen
von Ort zu Ort unterscheiden, hat jeder Tempel seine ganz eigene Theologie.
Schon im Kindesalter beginnt die Ausbildung. Ausgewählte Knaben und Mädchen
werden durch ihre Eltern der Fürsorge des Tempels übergeben. Sie werden die
Scholasten der Priester, lernen Lesen und Schreiben und sind auch schon mal
Gehilfen im Tempeldienst. Wenn die Ausbildung beendet ist, sind die Schüler
zumeist schon erwachsen. Nun, da sie mündig sind, können sie auch das Gelübde
ablegen und die Weihe erhalten. Nicht selten wählen die nun Gelehrten aber die
weltliche Laufbahn, indem sie Gelübde und Weihe ablehnen, und finden zumeist als
Schreiber nicht selten auch als Schulmeister Anstellung. Viele Rechtsgelehrte
wurden in Tempeln der Leann ausgebildet. Gerade die vortrefflichsten Ärzte
entstammen der Schule des Ilva-Tempels von Istha. Das Verlassen des Tempels nach
Beendigung der Ausbildung gilt jedoch keineswegs als Schande, sondern ist
gewöhnlicher Usus. Gerade auf den Dörfern sind die Tempel, die einzige Orte, wo
lesen und schreiben erlernt werden kann, denn nur in den Städten gibt es
Bürgerschulen. In der Ausbildung gelehrter Fachkräfte haben allerdings die
Klöster den Tempeln schon vor langer Zeit den ersten Rang genommen, weswegen
gelegentlich auch Priester die Akademie besuchen um sich dort in den Lehren zu
vertiefen. Neben den Kulthandlungen üben manche Priester auch andere Formen der
Fürsorge aus. Dem Tempel der heiligen Ilva in Istha ist zum Beispiel das
Hospital, ein öffentlichen Siechenhaus, angeschlossen.
Den Priestern ist weltlicher Besitz bis auf wenige Habseligkeiten nicht
gestattet, auch dürfen sie keine Familie gründen. Obwohl sie nicht in völliger
Enthaltsamkeit leben und sich auch durchaus vergnügen dürfen, ist ihnen ein
gewisses Maß an Mäßigung vorgeschrieben. Dies hat vor allem zwei Gründe. Zum
können sich die Priester so voll und ganz ihrem Amt widmen. Auch der anderen
Seite verhindert die Ehelosigkeit der Priester, dass sie Amt und Würden oder gar
den Tempelschatz an Nachkommen vererben. Gerade in den zahlreichen Tempeln der
Göttin Erinn gilt die Jungfräulichkeit der Priesterinnen als entscheidender
Bestandteil des Kultes. Den Priestern wird eine bescheidene Unterkunft durch den
Besitzer des Tempels in der Regel gestellt. Häufig leben die Priester eines
Tempels in gemeinschaftlichen Unterkünften.
Auf dem Land befinden sich die Tempel häufig im Besitz des örtlichen Grundherrn.
Dieser ist dann für die Instandhaltung des Gebäudes sowie für die Versorgung der
Priester zuständig. Zumeist entstammen auch die oberen Priester dem
ortsansässigen Adelsgeschlecht. Neben den Zuwendungen des Lehnsherrn bilden die
Opfergaben und Spenden der Gemeinde eine wichtige Einnahmequelle der Tempel.
Gehört ein Tempel allerdings zur Allmende, so sind die Opfergaben und Spenden
die einzige Einnahme der Priester. Diese Tempel sind meist weniger prachtvoll,
aber dafür sind die Priester hier oftmals ehrfürchtiger als anderswo. In den
Städten sind die Tempel häufig Eigentum bestimmter Gilden und Zünfte, die dann
genauso über sie verfügen wie der Adel auf dem Lande. In freien Städten gehören
die Tempel oftmals der Bürgerschaft, sodass der städtische Baumeister den
Tempeln entsprechende Mittel zuteilt. Auch hier entstammen viele Priester dem
wohlhabenden Bürgerstand und die meisten Hohepriester sind von ihrer Geburt her
Patrizier. Im Grunde kann aber jeder freie Mann und auch jede freie Frau
Priester werden; die Ausbildung beginnt allerdings schon im Kindesalter. In der
Regel bedarf es der Aufnahme in den Tempel der Zustimmung des Oberpriester sowie
des Tempeleigentümers. Unfreie hingegen dürfen, wenn überhaupt, nur auf
ausdrücklichen Wunsch ihres Herrn eine klerikale Ausbildung beginnen. Daher wird
der hohe Klerus zumeist aus den Zweitgeboren der Adels- und Patrizierfamilien
gebildet. Nicht wenigen bleibt es verehrt Priester zu werden, obwohl sie sich
durchaus dazu berufen fühlen.
Die Priester haben keinerlei weltliche Macht, wenn gleich ihr Einfluss auf die
weltlichen Machthaber nicht gering ist. Gewissermaßen sind ja die Grafen und
Ratsherren im wahrsten Sinne des Wortes ihre Brüder. Häufig sind die Priester
Ratgeber der Herrschenden. Priester der Leann werden von den Recht sprechenden
Herrschaften häufig als Schöffen zu Rate gezogen. Der Hohepriester von
Weidelsburg ist traditionell sogar ein geheimer Rat des Königs. Allerdings hat
die Priesterschaft nach dem unglücklichen Ausgang des Pfaffenkrieges stark an
Einfluss verloren.
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