Dails Hallen - Das Totenreich der Drakkmannen
Dail ist der Gott des Schicksals und Herr über das
Totenreich. Er kennt den Lebensweg eines jeden Menschen und er legt die
Lebensspanne jedes einzelnen fest. Lediglich die Götter und ihre Boten, die
Ängla, kennen neben dem Styrman und Dails Raben den Weg zu seinem Reich.
Vor Urzeiten, lange bevor die Drakkmannen das göttliche Land verließen, lagen
seine Hallen in unterirdischen Höhlen. Der Eingang zu diesen lag in einem
Landstrich, der vom breiten Fluss Godrwazzar, dem Fluss der Götter, durchflossen
wurde. Dieser Fluss markierte in den ältesten Tagen die Grenze zwischen dem Land
der Götter und dem Rest der Welt. Der Fluss führte seine Wasser am Eingang der
Grotten vorbei und floss dabei einige Meilen auf unterirdischem Wege. Auf dem
Gipfel des höchsten Berges in diesem Landstrich war ein Schacht verborgen, der
in eine lange und dunkle Treppe mündet. Doch als die große Seeschlange im großen
Wasser um die göttlichen Lande die Pfeiler entzweibrach und die Fluten in das
göttliche Land strömten überspülten sie die Godrwazzar und das Land war nicht
mehr. Mit Ausnahme einiger Felsen, die bei Ebbe aus dem nun neuen Meer ragen.
Fortan waren die Lande der Götter und die Lande der restlichen Welt durch ein
breites, tiefes Meer getrennt, in dem die Schlange wütete.
Wenn nun ein Mensch stirbt, so verweilt sein Odem
am Ort seines Todes und wacht über seinen Leichnam, bis ein Rabe auftaucht, ihn
abholt und zum weiten Meer führt. Dies geschieht erst bei Ebbe, da sonst der
Eingang zu den unterirdischen Höhlen versperrt ist. Dann kommt der Gipfel des
alten Berges und damit der Eingang zu den Hallen zum Vorschein. Er erhebt sich
dabei ein paar Dutzend Fuß über die Meeresoberfläche. Der Rabe führt den Toten
bis zum Meer, dort verschwindet er und der Verstorbene trifft auf den Styrman.
Ihm muss der Tote eine Münze geben, damit er ihn zum Berggipfel hinüberfährt.
Hat der Tote keine Münze bei sich, so muss er auf ewig am Ufer des Meeres
wandeln, es sei denn jemand entschließt sich ein entsprechendes Opfer den
Göttern darzubringen. Falls dies nie geschieht, so ist der Tote leichte Beute
für die alte Schlange. So wälzt sie ihren Körper unter viel Getöse über die
Deiche und verschlingt die armen Umherwandernden. Dabei wird sie von Sturm und
Regen begleitet und überschwemmt das Land.
Alte Volksweisen berichten, dass zum Tode verurteilte bei den Traven nur bei
Ebbe getötet werden, da sein Odem dann sofort von einem Raben abgeholt wird. Auf
die Art wird dem Toten die Möglichkeit genommen Rache zu üben und die Lebenden
zu quälen. Nur solche, die besonders wichtige Gesetze, göttliche und kaiserliche
Gesetze wie den Treueid gebrochen haben werden nicht geholt und wandern fortan
durch das Land auf der Suche nach den Klippen, denn die Raben weigern sich solch
hoffnungslose Fälle zu mitzunehmen, sollen doch die Rechtschaffenen nicht wegen
den Unrechten warten müssen. Man erzählt sich von Travenstämmen die Ihre zum
Tode verurteilten mit einem Pfahl durchbohren, um den Odem an den toten Körper
und den Körper an das Grab zu binden. Auf das Grab wird dann ein großer Stein
gelegt, auf dessen Unterseite Fluchsprüche eingeritzt wurden, auf das der Odem
auf gar keinen Fall entweichen kann.
Der Styrman bringt den Toten nun zum Eingang an den
Klippen, wo eine lange Treppe in die Tiefe führt. Von hier aus geht man alleine
in die Dunkelheit. Je gewissenhafter ein Mensch im Leben war, desto mehr Fackeln
geben ihm Licht auf dem Weg in der Finsternis, auf dass er nicht stürzen möge.
War ein Mensch nicht gewissenhaft, so stürzt er auf der Treppe und fällt in eine
Nische, da er weniger sieht, wo er hintritt. Wenn er sich aufgerappelt hat geht
er weiter, bis er wieder stürzt und sich wieder aufrappelt, bis er ganz unten
ist. Dies ist die erste Strafe der Götter, um die nicht Gewissenhaften zu
läutern.
Unten angekommen steht er am Ufer der Godrwazzar, den der Götter Werk hält ewig
und am Grunde des Meeres, in den Vorhallen, fließt jener Fluss noch immer. Der
Tote sieht am anderen Ufer den Eingang in die Vorkammer der Hallen. Er muss nun
den Fluss durchschreiten. Je rechtschaffener ein Mensch im Leben war, desto eher
kommt er durch den Fluss. War er nicht rechtschaffen bäumt sich die Godrwazzar
zu einer reißenden Strömung auf und spült den Toten weit weg vom Eingang. Der
Tote muss sich in diesem Fall durch das brausende Wasser zurück kämpfen, wenn
seine Gesetzesbrüche nicht sehr tragisch waren, darf er vielleicht einen langen
Weg am Ufer des Flusses zum Eingang gehen. Dies ist die zweite Strafe der Götter
um die nicht Rechtschaffenen zu läutern.
Schließlich kommt er in die Vorkammer der Hallen, wo ihm zwei Wölfe gegenüber
stehen. Je gottesfürchtiger ein Mensch war, desto besser gehen die Wölfe mit ihm
um. War er nicht gottesfürchtig, so werden ihn die Wölfe beißen, kratzen und
jagen. Handelt es sich aber um einen Menschen, der im Leben sehr gottesfürchtig
war, so werden in die Wölfe auf dem Weg bis in die erste Halle begleiten und
gute Weggefährten sein. Dies ist die dritte Strafe der Götter, um die Lästerer
der Ewigen zu läutern.
In der ersten Halle angekommen wartet ein Ulfing
und ein Bärling auf den Verstorbenen. Die Ulfinge sind die Wächter des
Totenreichs. Große Hünen, ganz und gar in das Fell von Wölfen gekleidet. Den
Kopf des Wolfes tragen sie auf ihrem eigenen Haupte. Die Bärlinge hingegen sind
die Diener des Gottes Vigar. Sie wurden entsandt, um die größten und die
stärksten der Helden abzuholen. Die großen Krieger, die von Tiori und Vigar
selbst geweiht sind. Helden sind es, gottgleich in ihrer Herrlichkeit und
vorbildlich in ihren Tugenden, denen nichts und niemand standhalten konnte und
die nicht durch die drei Strafen bestraft werden brauchen.
In der ersten Halle wird ein großes uraltes Buch aufgeschlagen, dessen Pergament
aus der Haut des ersten getöteten Riesen gemacht wurde und die Tinte, mit der
Dail schreibt wurde aus dem Blut des ersten von Soniana getöteten Hirsches
gemacht. In diesem Buch hat jeder Mensch seine eigene Seite, auf der sein Leben
geschrieben steht, alles Gute, wie alles Böse. Zu Anfang auf jeder Seite steht
das Schicksal des Betreffenden, den Dail ist Herr über das Schicksal und nur er
darf in diesem Buch schreiben. Dort finden der Ulfing und der Bärling auch die
Hinweise die sie brauchen, um zu entscheiden, ob der Tote in Dails Hallen
verweilt, oder aber zu Vigar weiter gehen darf. Wenn der Bärling den Toten mit
sich nimmt, so führt er ihn direkt in das göttliche Land, wo er von nun an im
Gefolge Vigars sein wird. Dieser lässt von Silto für den Verstorbenen Rüstung
Schild und Schwert fertigen. Dessen Hammer schlägt dabei Funken, die wie kleine
Sterne zu Erde fallen und manchmal brennt das Schmiedefeuer so heiß, dass es den
Himmel nachts in die unglaublichsten Farben taucht. Grün, gelb, rot und blau
wird dann das Kleid Fionns beleuchtet. Diesen wenigen Auserwählten ist es
gestattet die Götter auf die große Hatz zu begleiten und das Land mit den
Göttern gegen das Wurmgezücht zu verteidigen.
Wenn der Verstorbene die zweite Halle betritt findet er sich inmitten seiner
verstorbenen Verwandten und Freunde wieder, denn sorgenlos ist es dort und der
Freundschaft und Sippe Bande halten bis über den Tod hinaus.
Die größte Halle erstreckt sich soweit, dass man weder ihre Decke, noch ihre
Wände sehen kann. Dort haben die Verstorbenen Ihre Wohnungen. Eine Lichtquelle
erhellt den Himmel der Halle mit einem blauen Licht und warm ist es dort, denn
Dail ist Herr über die Hallen und Grold hat dort keine Macht. In dieser Halle
kann man durch immergrüne Wälder gehen oder die Auen durchwandern, die von
vielen, von der Godrwazzar gespeisten Flüssen durchzogen werden. Die Bäume geben
genug Obst und die Tiere vermehren sich dort sehr rasch, sodass es nie an Speise
mangelt. Das Wasser der Flüsse ist kühl und erfrischend und das immerwährende
blaue Licht lässt alle Arten von Getreide im Überfluss wachsen. Bienenstämme,
die noch nie einen Menschen stachen, machen Honig, so süß, wie er auf Erden
nirgends zu finden ist und das Holz der Wälder ist so fest und dennoch so
leicht zu bearbeiten, das man Werke daraus erschaffen kann, so gewaltig, wie man
es auf Erden noch nie gesehen hat.
Dail aber hat seine Wohnung in einer anderen Stätte
als die Toten. Er lebt zurückgezogen in einer weiteren Halle, in deren
Mittelpunkt ein Großer Turm steht. In diesem Turm befindet sich eine Kammer, in
der Dail sitzt und in das große Buch schreibt. Um den Turm kreist eine Vielzahl
von Raben. Von Zeit zu Zeit kommt einer der Raben in Dails Turm und berichtet
ihm von einem Menschen, der seinen Rat sucht. Einem Wahrsager oder einem, der
ein Dail Orakel befragt, wie es zum Beispiel im Walde von Limandor zu finden
ist. Dail schlägt dann sein großes Buch auf und gibt Rat, sofern es mit dem
Schicksal des Menschen, welches in dem Buch verzeichnet ist, in Einklang zu
bringen ist. Dails Rabe begibt sich dann zum Orakel und der Fragensteller kann
dann anhand von Vogelflug und Geschrei erkennen, welche Antwort im Dail zu geben
geneigt ist.
In der Halle selber stehen unzählige Kerzen, aus Bienenwachs. Sie wurden von
Dail gezogen und stehen für das Leben der Menschen. Dail entzündet sie, wenn er
es für richtig hält und bläst sie wieder aus, wenn die Zeit gekommen ist. Die
Kerze eines Bettlers steht im selben Raum wie die Kerzen der Könige und der
Kaiser, denn vor Dail sind alle gleich und das Leben ist nur ein kurzer
Abschnitt in der gesamten Existenz. Ränge und Stände haben bei Dail keinerlei
Bedeutung. Er zieht diese Kerzen aus dem Wachs, der Bienen, die seine Hallen
bewohnen. Anhand der Form die sie haben und der Wachstropfen, die an der Kerze
beim Ziehen hinunterlaufen, kann Dail auf das Schicksal des betreffenden
Menschen schließen.
Doch in Dails Hallen gibt es weit mehr als das. Ein
halbes Jahr lang, während in den oberirdischen Landen Grold wütet, befindet sich
Sondth im Reich der Toten. Denn ihm konnte nur ein halbes Leben wiedergegeben
werden, nachdem der große Urwurm ihn verschlugen hatte. So kehrt er ein während
des Winters und alle Toten finden Platz an seiner Tafel. Ganz und gar von seinem
Geiste erfüllt feiert man dann die berauschensten Feste, trinkt vom besten Met
und Bier und isst vom zartesten Fleisch. Sondt berichtet in der Zeit von den
Dingen, die in der Welt der Lebenden und der Götter vorgefallen sind, ganz wie
es unter den Menschen jeder gute Spielmann tut.
Wenn aber Sondth wieder in das Land der Götter zieht und Grold für ein halbes
Jahr in den Schlaf singt, dann beginnt in Dails Hallen die Zeit der Aussaat und
der Ernte. In diesem halben Jahr, bereitet man alles auf die Ankunft Sondths
vor. Aus den Früchten der Felder und des Waldes werden die schönsten und
köstlichsten Speisen vorbereitet, und Bier und Met wird in solch Strömen
angesetzt, dass selbst der große Fluss Ander dagegen nur wie ein kleines
Bächlein erscheint.
Wenn der Herbst kommt, dann zieht Sondth wieder in Dails Reich ein. Man erzählt
sich, dass dies auch die Zeit ist, in der Dail einem Verstorbenen die Anweisung
gibt, in die Welt der Lebenden zu gehen. Dies tut er aber nur sehr selten, bei
einer sehr schweren Grabschändung oder anderen Gründen vergleichbarer
Gewichtigkeit.

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