Die Geschichte der erédischen Orden
Kapitel 7: Ausgleich und Entwicklung bis zur Gegenwart
In den
wenigen Jahren, die König Iandal II. blieben, versuchte er ein Ausgleich
zwischen den alteingesessen Priestern und dem Orden zu finden. So zwang er denn
seine Lehnsmänner und den Orden dazu, die Mönche aus ihren Tempelämtern zu
schicken, denn mit deren Betreuung sie vor allem in Garvensburg begonnen. Selbst
den großen Tiori-Tempel in Carveningen überließ der Orden wieder den Priestern,
doch er Tempelschatz blieb verloren. Herzog Albert von Carvensburg behauptete,
diesen hätten die Mönche in Metzarum eingelagert, diese wiederum sprachen, der
Herzog habe sich dessen bemächtigt. Lediglich das heilige Schwert des Carvenius
Konradin, welches mit Sicherheit zu heilig für die Schmelzöfen war, legte Herzog
Albert als Leihgabe zurück in den Tempel, obgleich es bei Gelegenheit immer
wieder mit Berufung auf Eigentumsrechte der Herzöge entnommen wurde und
gelegentlich führte der Herzog von Carvensburg selbst Kulthandlungen um besagtes
Schwert an, indem er, wenn der Oberpriester das Schwert segnet und Opfer
darbringt, das Schwert wie einst Carvenius Konradin in den Händen hielt. Der
König blieb jedoch bei der strittigen Tradition den Erzkanzler aus den Reihen
des Ordens zu wählen. Den Oberpriester aus Istha schmeichelte der König mit
einem neuen Gesetz, welches für immer verbot, dass Mönche des Ilva-Ordens
bestehende Glaubenseinrichtungen übernehmen. Auch erneuerte er das alte Privileg
des Adels, dass nur sie die Heerscharen führen dürften, womit er dem Unding,
dass ein Abt einen Zug Ritter führte, ein Ende setzte. Diesen Zug schwarzer
Ritter löste er jedoch nicht auf, sondern er übergab das Kommando an den Herzog
von Wandersmühl, der ein paar Monate zuvor vor dem Großherzog aus Lawegon zur
Weidelsburg geflohen war. Als Strafe für die Aufruhr, das Fehdewesen und den
Unfrieden, den sie verbreitet hatten, verlangte er sowohl von den Priestern aus
Istha als auch vom Orden in Metzarum, dass sie gleichermaßen die Siechemeister
des königlichen Heeres kostenfrei in ihren Künsten unterweisen sollten. In
Metzarum wurde ein neuer Abt gewählt und auch in Tegelingen musste man einen
neuen Fürsten küren, denn Helmbrecht Einauge wurde in den Verliesen der
Weidelsburg eingesperrt. König Iandal II. wagte es nicht mehr den Prozess zu
beginnen und auch sein Erbe König Roald tat es nicht.
König Roald setzte nun den Versuch fort die Kontrahenten des Pfaffenkrieges zu
versöhnen. So veränderte er das Wahlrecht für den Hohepriester von Weidelsburg.
Bisher dürften sich nur die Priester der Hofkapelle, die die Heiligtümer Tioris,
Vigar und Solwinns versorgten, an den Wahlen beteiligen, doch König Roald
veranlasste nun, dass alle auf der Burg wohnhaften Kleriker, also auch die
Mönche der Kanzlei, an den Wahlen teilnehmen dürften. Nun wählte aber die große
Mehrheit der Priester Helmbrecht Einauge zu ihrem Hohepriester. Helmbrecht hatte
nämlich das Amt des Tiori-Priesters von Tegelingen nie abgelegt und da er in
seinem Verlies auf der Weidelsburg schmachtete, besaß er durch findige
Rechtsauslegung volles Wahlrecht. Nun wurde Helmbrecht Einauge als Hohepriester
von Weidelsburg ein geheimer Rat des Königs, und oft saß König Roald viele
Stunden lang vor dem Gittertor des Verlieses und hörte den klugen Rat von
Helmbrecht Einauge, denn dieser konnte viele Dinge sehen, die waren, die sind
und die sein werden. 1280 verstarb der Hohepriester Helmbrecht im hohen Alter in
seinem Verlies und König Roald sorgte dafür, dass er in der Halle der Helden in
Hohenhewen beigesetzt wurde, denn er hatte ihn als Ratgeber hoch geschätzt und
noch immer war er für seine Taten als Notgestalt des Pfaffenkrieges berühmt und
berüchtigt.
Am selben Tag, als Helmbrecht Einauge verstarb, so erzählt es der Volksmund, sei
ein Fremder auf den Stufen zur Halle der Helden tot zusammengebrochen. Dies war
ein Pilger und er trug das Gewand eines Büßers und keine Schuhe. Er hatte
Erédias Süden durchquert und sich dabei unentwegt schweigend mit langen Riemen
gegeißelt, sodass er in Hohenhewen am ganzen Rücken blutend zusammenbrach.
Diesen eifrigen Pilger bestatteten die Priester des Vigar in der Halle der
Helden, denn diesen Glaubenseifer bewunderten sie. Manche sagte nun, dieser
Pilger sei der alte Stephanus gewesen, der endlich Buße getan hatte. Und sie
vermuteten, dass Helmbrecht Einauge erst die Welt der Lebenden verlassen konnte,
als sein Widersacher tot war. Zu allem Überfluss steht der steinerne Sarg des
Helmbrecht Einauge just neben dem des unbekannten Pilgers. Seit dieser Zeit sind
keine Pilgerfahrten des Ordens von Metzarum nach Hohenhewen mehr bekannt
geworden. Nach dem Tod Helmbrechts endete der große Streit unter den Klerikern
und in den Regierungsjahren König Iandals III. war davon fast nichts mehr zu
spüren, obgleich die alten Lügen und Gerüchte, die im Pfaffenkrieg gesät wurden,
noch immer Gehör finden.
Bald schon wurde auch andere Orden gegründet, die zu meist die von Stephanus dem
Gescheiten aufgestellten Regeln übernahmen. Diese wählten sich jedoch nicht die
Herrin Ilva zur Schutzgöttin sondern Tiori, Vigar, Erthra, Milux oder andere
Götter, denn die, die für Ilva vollkommen zu begeistern waren, traten allesamt
den Klöstern in Rieda und Metzarum bei. Weder formell noch reell sind sie mit
den Orden von Metzarum und Rieda verbunden, denn sie sind vollkommen
eigenständig, da sie auf Zusammenschlüsse einzelner Tiefgläubiger zurückgehen.
Diese neuen Orden erlangten freilich weder Pfründe noch Lehen, doch konnten sich
ein paar dieser Bruderschaft kleine Ordenshäuser, die verglichen mit den
Klöstern freilich winzig erscheinen, einrichten. Unterschiedliche Ordenhäuser
finden sich vor allem in den großen Reichsstädten Hohenhewen und Metzarum,
seltener freilich in Anderporth und Istha. In lehnsherrlichen Gemarkungen
scheinen die Hürden für die Einrichtung solcher Bruderhäuser weit höher als in
den freien Städten. Die meisten von ihnen sind jedoch vollkommen besitzlos und
mischen sich unter das fahrende Volk, wo sie unentwegt predigen und für viele
gute Dinge sammeln. Einzig die Vigarbrüder Friedrichsteins sind noch große
Krieger, denn dies ist eine Schwertbruderschaft, obgleich sie freilich nur
verborgen in Nordalisien agiert, wo sie sich der Volksfront Freies
Friedrichstein angeschlossen hat. Doch die anderen kleinen Bruderschaften sind
allesamt friedlich ausgerichtet und sorgen weder die alteingesessenen Priester
noch die Obrigkeit.
Zuletzt sorgte jedoch die Stiftung eines Klosters in Anderporth für Aufsehen.
Der durch und durch geschäfts- wie genusssinnige Patrizier Gerthold Sinnap hatte
dem Orden zu Rieda sein prächtiges Lustschloss in Anderporth vermacht. Freilich
zweifelhaft schien vielen jedoch, dass sich besagte Schrift erst fünf Jahre nach
dessen Tod in einer Bettpfanne fand. Ernesto Sinnap, Magistrat von Anderporth,
hatte das Erbe bereits angetreten, doch an dem Gebäude keinen Finger gerührt.
Zum Leidwesen des Ordens fanden sich nach erster Begutachtung keinerlei Möbel
und der gleichen im Schloss. Ob hier Langfinger der Hintergassen Anderporths
oder der Magistrat selbst besagtes Mobiliar fortgeschafft hatte, blieb bis heute
ungeklärt. Offenkundig konnte jedoch Ernesto Sinnap als Magistrat der
Reichsstadt Patriziat und Klerus davon überzeugen, es bei der Einrichtung des
Klosters so schwer wie möglich zu machen. Trotz der Gleichgültigkeit der
Kleinstbürger, der Ablehnung durch das Großbürgertum und nicht zuletzt trotz der
Grenzgeplänkel mit Truppen Alisiens scheint sich der Stift, der formell der
Abtei Rieda untergeordnet ist, zu halten. Allerdings vermuten viele Anderporther,
dass der Magistrat nicht klein bei geben wird und alte und neue Gerüchte um den
Orden der Ilva und seine Absichten machen die Runde und sie vermischen sich
allmählich zu einer trüben Brühe, die in alle Winkel Anderporths einsickert und
diesen Sumpf durchspült, sodass die Notwendigkeit zum Deichbau nicht vom kühlen
Ander herrührt. Aus der Sammlung Geschichte der Akademie für Gelehrte zu
Metzarum

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