Die Geschichte der erédischen Orden

 
Kapitel 5: Helmbrecht von Tegelingen und Abt Stephanus

Im Norden des Reiches kam es nun aber vermehrt zu Angriffen der Hasunger, eines wilden Travenstammes. Geführt wurden die Plünderer und Raubritter von ihrem Fürsten Bryne und sie brandschatzten Burg Löwenstein mehrmals und bei ihrem letzten Überfall töteten sie sogar Graf Oswald von Löwenstein, der eigentlich auf Grund der Prophezeiung von Limandor erwartet hatte, dass er von Mönchen und nicht von wilden Reitern gepeinigt würde. König Iandal II. freilich erkannte die Bedrohung im Norden, doch wagte er nicht einen Feldzug gegen das Steppenvolk zu führen, denn zahlreich waren die Reiter der Hasunger. Auch wagte er es nicht Truppen von der lawegonischen Grenze abzuziehen, denn auch der Großherzog rasselte mit dem Säbel und würde jede Gelegenheit ausnutzen. So wollte König Iandal II. die Sache friedlich lösen. Der Witz des Königs zeugte den Gedanken, Fürst Bryne zum Lehnsmann des Reiches zu machen, was seine Raubzüge nicht nur beenden würde sondern auch dessen Streitmacht in den königlichen Dienst überführte. So ließ er von seinem Kanzler, freilich ein Mönch aus Metzarum, eine Urkunde erstellen, worin geschrieben stand, dass Fürst Bryne mit der Burg Löwenstein belehnt werden sollte, allerdings unter der Bedingung, dass er seine Raubzüge einstellte. Als der Herold des Königs dies dem raubeinigen Fürst unterbreitete, zeigte sich Bryne hoch erfreut. So wurde Bryne zum Graf von Löwenstein und ehelichte die hochwohlgeborene Edelgard, die Tochter des erschlagenen Grafen Oswald. Graf Ortwin, Oswalds Sohn, blieb nur noch das kleine Dorf Leuenfels als Lehen und er sah in den Verträgen, die über seinem Kopf abgeschlossen wurden, allein das Werk des Kanzlers und des Ordens, so wie es seinem Vorfahren einst im Wald von Limandor geweissagt wurde. Graf Bryne bot nun auf dem Thing der Hasunger den anderen Häuptlingen und allen Stammesbrüdern an, in den Bärenbergen nördlich von Löwenstein zu siedeln. Das Volk beendete nun sein wildes Wanderleben und weit im Norden Erédias wurden neue Gemarkungen besiedelt. Dies freute freilich Herzog Antur von Wattenberg zutiefst, denn sein Machtbereich vergrößerte sich beständig, doch König Iandal II. erhob Graf Bryne im Jahre 1253 in den Rang eines Herzogs und die Hasunger hoben ihren Herzog auf einen Schild und umwanderten die Grenze des neuen Herzogtums Löwenstein. Freilich sahen sich nun Graf Ortwin und Herzog Antur hintergangen und der Oberpriester des Ilvatempels zu Istha unterstützte sie in ihren Mutmaßungen über eine Verschwörung des Ordens.

Ebenfalls in diesen ereignisreichen Tagen wurde der vom Orden zutiefst verspottete Tiori-Priester Helmbrecht von Tegelingen von den Stammesältesten zum Fürst der Völker von Tegelingen gewählt. Dieser wetterte nun gegen den Orden und nannte den Abt einen Hexer und gab ihm Schimpfnamen, die nur einem Tegelinger einfallen können. Und er klagte den Abt Stephanus vor dem Thron des Königs an, denn nun, da er dem Fürstenstand angehörte, war dies sein Recht. Ebenso tat es jedoch auch Abt Stephanus der Stählerne, der den Fürst nun als einen Raufbold und einen Lästerer darstellte. König Iandal II. war nun in argen Schwierigkeiten und er berief das Reichskammergericht ein, dem alle Herzöge angehören. Herzog Antur von Wattenberg freilich war gegen den Abt und ebenso der Herzog von Forkenburg, dessen Gefolge durch und durch von den Wanderpredigern gegen das Kloster aufgehetzt war. Herzog Albert von Garvensburg wäre es eigentlich gleich, was geschehen würde, doch wollte er sich dem König anschließen, wenn dieser gegen den Orden hielt, denn viele Mönche waren Priester in Garvensburg geworden und diese schienen weit weniger dem Herzog als vielmehr dem Abt in Metzarum gefolgsam zu sein. Der junge Herzog Roald von Weidelsberg freilich wollte sich seinem Vater der Majestät anschließen, doch war er zur Treue seinem Vasallen Fürst Helmbrecht gegenüber gezwungen. Der Herzog von Hellensberg hüllte sich jedoch in Schweigen, doch die ganze Kuria wusste, dass er allein das Kloster Rieda unterstützte. Niemand konnte jedoch recht sagen, welche Ziele unweit des Klauskopfes verfolgt wurden. So sah sich der König freilich noch immer außer Stande eine klare Entscheidung zu treffen, doch stimmte er dem Vorschlag von Herzog Bryne von Löwenstein zu. Bryne liebte freilich noch immer die blutigen Bräuche der Steppenvölker und so beliebte er es ein Gottesurteil zu Rate zu ziehen. Abt Stephanus und Fürst Helmbrecht, so riet der Herzog, sollten sich unterhalb des Leannsöllers unweit von Burg Löwenstein auf Leben und Tod duellieren. Dem Sieger dieses Kampfes sollte Recht gegeben werden.

Im Jahr 1265 war der Richttag gekommen. Alle Herzöge waren gekommen und so führten sie die Hofämter für seine Majestät Iandal II. selbst aus. Auch waren die Grafen von Forkenburg, Graf Ortwin von Leuenfels, der Oberpriester aus Istha und zahlreiche Ritter aus Tegelingen, Hasungen und anderen Teilen Erédias gekommen, um das blutige Schauspiel zu bestaunen. Die Kontrahenten gingen auf die ebene Fläche unterhalb der Schlucht zu. Abt Stephanus trug eine Kutte wie im Orden üblich, doch darunter trug er ein dunkles Kettenhemd, woher sein Beiname der Stählerne rührt. Fürst Helmbrecht trug ein Bärenfell und darauf das Zeichen Tioris, doch manche sagten, unter dem Bärenfell trüge er eine Rüstung aus Zwergensilber, die ihm Herzog Bryne geliehen hätte. Die staunende Menge blickte auf die Kämpfer, der Fürst führte eine Streitaxt, wie im Norden üblich, und der Abt hielt ein langes Schwert in den Händen. Alsbald begann der Kampf und schon nach einem einzigen Schlag des Abtes fiel der Fürst blutend zu Boden. Der Oberpriester aus Istha schrie auf, es ginge nicht mit rechten Dingen zu und Graf Ortwin von Leuenfels ergriff sein Schwert, um sich gegen den Richterspruch aufzulehnen, ja er versuchte Himmel und Erde in Frage zu stellen. Die Ritter Brynes hielten dessen Schwager zurück und legten ihn in Ketten, da er sich gegen das Reich, den König und an den Göttern versündigen wollte. Dadurch verhinderten sie Schlimmeres und später war der Graf heilfroh, dass die Nordmänner ihn banden, sodass er keine Schuld auf sich laden konnte. Wie der Lehnsmann am Boden gebunden wurde, goss Herzog Antur von Wattenberg, des Grafen Lehnsherr, dem König reinen Wein ein, denn er bekleidete das Amt des Mundschenken. Nun erhob sich der Herzog von Forkenburg, er drängte seine Grafen beiseite, die den offensichtlich erschlagenen Helmbrecht umringten, dessen Parteigänger sie freilich waren. Der Herzog, der die Tracht des Kämmerers trug, nahm nun einen Taler aus dem königlichen Staatssäckel und legte es Helmbrecht in den Mund, damit dieser die Reise in Dails Reich bezahlen konnte. Über diesem blutigen Schauspiel stand hoch oben auf dem Leannsöller der Herzog von Hellensberg im Ornat eines Heerführers, um den Hals trug er das goldene Halsband der Bürgermeister von Mittelgoth und in den Händen hielt er das mit Flussperlen besetzte Szepter von Hernetmark, welches ein Geschenk König Friedrichs an das nun unter Aufsicht des Ordens ausgestorbene Markgrafengeschlecht war. Ihm zur Seite stand Herzog Albert von Garvensburg als Truchsess und an seinem Gürtel blinkte das heilige Schwert des Carvenius Konradin, in dessen bernsteinernen Knauf ein Nagel vom Hufe Njoredeens eingelassen sein soll. Dem Herzog von Hellensberg zur linken stand der Abt von Rieda, das Zeichen der dreimalgroßen Ilva wie ein riesiges Szepter in der Hand haltend. Wie sie da oben standen und schauten, wie die Priester der Ilva den Leichnam Helmbrechts auf ihren Karren luden, sahen sie wie die größten aller Fürsten aus, doch sie standen an genau der Stelle, wo die Hasunger sonst verurteilte Viehdiebe in die Tiefe stürzten.

Dieses Pfaffenduell sollte jedoch nur ein Vorspiel zu noch seltsameren Begebenheiten sein. Es geschah nun nämlich, dass Fürst Helmbrecht in Tegelingen wieder gesehen wurde und die Stammesbrüder hoben hin auf einen Schild und trugen ihn nach Süden zur Weidelsburg. Es heißt nun Helmbrecht sei nie tot gewesen und der Oberpriester der Ilva hätte ihn mit einer Wundertat geheilt, doch manche sprachen, Helmbrecht sei als Draug von den Toten zurückgekehrt, um Rache zu üben. Tatsächlich schien der Fürst bei bester Gesundheit, obwohl ihn der Abt mit Sicherheit übel zugerichtet hatte. Allein das rechte Auge fehlte ihm. Freilich war diese Wunde Abt Stephanus zuzuschreiben, doch schien es, als könnte Helmbrecht trotzdem weiter und genauer schauen als gewöhnliche Männer, denn es heißt, sein Auge sei bereits bei Dail und könne daher schauen wie die großen Seher. So stand der Fürst nun auf seinem Schild vor den Toren der Burg. Die Leibgarde erkannte Helmbrecht Einauge, den unter diesem Namen ging er in die Geschichte ein, und da sie dachten, er sei ein lebender Toter, ergriffen die Wachen die Flucht. Allein drang nun der Fürst ungehindert in den Thronsaal vor. Dort fand er den greisen König Iandal II. auf dem hohen Throne sitzend und er spukte den Taler vor die hoheitlichen Füße, den der Kämmerer ihm in den Mund gelegt hatte. König Iandal II. freilich erwartete nun schon in Dails Hallen einzuziehen, doch der Fürst schwor dem König erneut die Treue und warf sich vor ihm nieder und sprach das Gottesurteil, welches der König verlangt hatte, sei gesprochen und er, Fürst Helmbrecht, sei bereit es zu vollstrecken. In den folgenden Jahren übte sich der Fürst freilich in Zurückhaltung und oft trug er die Gewänder eines Tiori-Priesters, doch erzählte er, er habe durch die Steinmauern tief in die Gewölbe der Weidelsburg gesehen und dort allerlei namenlose Schauerlichkeiten erkannt.


 

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