Die Geschichte der erédischen Orden
Kapitel 4: Aufstieg der Akademie und erster Unfriede
Nun
endlich begann die Geschichte des Ordens in Erédia. Wie bereits gesagt erkannte
König Ulrich die Notwendigkeit der Akademie und verlangte, dass von nun die
Beamten, Schulmeister und Juristen des Reiches dort ausgebildet wurden, denn
Metzarum war der einzige Ort, wo in allen Wissenschaften unterrichtet wurde. Nun
blühte die Akademie auf, denn aus allen Teilen Erédias, Friedeslars und den
Ländern im Osten strömten die wandernden Scholasten herbei, um in Metzarum
einzukehren. Auch die Zahl der Mönche wuchs stetig, denn in allen Jahrgängen
entschieden sich ein paar Scholasten ihr Leben voll und ganz der Erforschung der
Welt und der Huldigung der Ilva zu widmen. In Rieda füllte sich das Kloster wie
gesagt, nachdem der Adel von Hellensberg verschieden war, mit den Zweitgeborenen
der Hintersassen, doch auch Rieda blühte auf und viele Pilger kamen dorthin, um
den Klauskopf und das Kloster zu besuchen. Trotz all dieser freudigen
Entwicklungen sollten jedoch Neid und Hochmut bald großen Unfrieden stiften.
Schon seit grauer Vorzeit befand sich nämlich in der königlichen Reichsstadt
Istha ein großer Tempel der Ilva mit angeschlossenem Hospital. Die dortige
Priesterschaft blickte argwöhnisch auf die Akademie in Metzarum. Dies hatte
vielerlei Gründe. Zum einen vertrat der Orden der Ilva die Lehren des Cornelius
Kwickel, weshalb sie mit Quacksalben und Salzlachen Behandlungen durchführten.
Zum anderen nannten sich die Brüder Orden der dreimalgroßen Ilva und sie lehrten
und kannten deren Künste, die dem Oberpriester in Istha nicht ganz geheuer
waren. Die Priester in Istha hielten an der Säftelehre fest und bevorzugten den
Aderlass als Behandlungsmethode. Hämisch sprachen sie über die Mönche. So meinte
etwa einer der Priester, man könne die Melancholie, also die schwarze Galle,
nach der Art Isthas heilen, indem man durch Aderlass das Gleichgewicht der Säfte
wiederherstelle, oder ins Kloster Metzarum gehen, wo die Schwarzgalligkeit sich
voll und ganz ausbreite.
König Roland, der Erbe Ulrichs, setzte erstmals einen Bruder aus Metzarum in das
Amt des Erzkanzlers ein. Bis dahin hatte die jeweiligen Hohepriester von Weidelsburg das Kanzleramt bekleidet. Der Hohepriester von Weidelsburg stieg in
den Rang eines geheimen Rates ab. Dies führte zu großer Furcht unter allen
Priestern, denn sie fürchteten, dass die Mönche bald den Platz der Priester
einnehmen würden. Vor allem der Oberpriester der Ilva zu Istha schmähte den
Orden, so oft er es vermochte. Zu dieser Zeit begann das Spital in Istha seine
Rezepturen geheim zu halten und sie scheuten sich ihr Wissen zu teilen. Sie
bildeten zwar noch immer einige Laien in der Heilkunst aus, doch achteten sie
darauf, dass keineswegs der Orden in Metzarum Einblick in die alt überlieferten
Heilkünste erhielt. Die wunderbarsten Heilverfahren jedoch verriet der
Oberpriester von nun an lediglich seinem Nachfolger. Hierdurch konnte das
Hospital seinen alten Rang vor den Medici aus Metzarum bis auf dem heutigen Tage
bewahren. Zu guter letzt aber ernannte der Oberpriester den Tempel zum "Tempel
der heiligen Ilva", wodurch er Hohn übte am Orden der dreimalgroßen Ilva, denn
die Künste der dreimalgroßen Ilva sah man im Norden als recht unheilig an,
wodurch man glaubte, die Ilva zu Istha bedürfe zur Unterscheidung den Zusatz
"heilig". In eben diesen Tagen erhielt auch der Graf von Löwenstein eine viel
sagende Prophezeiung durch das Orakel des Dail zu Limandor. Diese besagte, dass
seinen Nachkommen die Burg Löwenstein durch die Hände eines Mönches genommen
werde. So ging große Furcht um in Adel und Klerus, denn die Einsetzung eines
Mönches als Kanzler schien allen nur wie ein böses Vorzeichen zu tollkühnen
Plänen eines scheinbar allmächtig werdenden Ordens.
In der Regierungszeit Rolands blieb der Widerstand gegen den Orden noch böse
Worte, denn der große Pfaffenkrieg sollte erst unter Iandal II. ausbrechen.
König Gonthar, der Sohn Rolands, setzte jedoch die Politik seines Vaters fort.
Schon Roland hatte damit begonnen die alten Stollen unterhalb der Weidelsburg
frei zu legen, um dort Wein, Rüben oder gar den Königsschatz einzulagern. Nun
muss man jedoch wissen, dass die Weidelsburg in grauer Vorzeit von den Orken
bewohnt wurde. Dieses schreckliche Volk wurde erst vom Heer der Carveninger zu
Zeiten des altes Königreichs Erédia in die wilden Öden westlich der Nebelberge
zurückgedrängt. Auf die alten Orkstollen wurden die Grundsteine der Weidelsburg
gesetzt, doch hiervon soll in anderen Abhandlungen Ausführlicheres geschrieben
stehen. König Gonthar vollendete also die Bauvorhaben seines Vaters, doch statt
des Andervinos und der Steckrüben wollte er ein Archiv in den Gewölben
unterbringen. So ließ er durch die Akademie Abschriften der wichtigsten Werke
erstellen und lagerte sie ein. Zur Betreuung und Benutzung dieser Einrichtung
wählte er in Metzarum langjährig ausgebildete Gelehrte aus, die auch allerlei
sonderbare Gerätschaften mit auf die Burg brachten. Diese Herren gehörten jedoch
nicht dem Orden an, sondern waren vom Stand der gemeinen Bürger, den dem König
schwanten nämlich Pläne, die mit den Regeln von Stephanus dem Gescheiten nicht
ganz vereinbar waren. Bald schon wurde nämlich in den Tiefen Kellern mehr
Schwefel verpulvert als in Metzarum und ein Lärm hallte die Treppen herauf,
sodass die Dienstboten des Königs dachten, dort unten würde man Alraunen
ausgraben und vielleicht tat man das auch.
So verging die Regierungszeit von König Gonthar und der Missmut wuchs. Deshalb
heckten der Hohepriester von Weidelsburg und der Oberpriester der Ilva einen
listenreichen Plan aus. Sie schickten zahlreiche Wanderprediger aus, die gegen
den Orden und die Akademie wetterten. Sie nannten die Vorgänge in der Akademie
ein reines Hexenwerk, sie mutmaßten, der König würde von den Mönchen der Kanzlei
mit allerlei Zauberwerk ruhig gestellt, ja sie riefen sogar lauthals in Wahrheit
würde der Abt von Metzarum das Reich lenken. Auch belebten sie die alten
Gerüchte, die sich um den frühen Abt Hieronymus von Friedrichstein rankten, und
sie sagten in Metzarum würde Aldon und den heidnischen Propheten gehuldigt. In
dieser Zeit wurde aber ein gewisser Stephanus Abt in Metzarum und dieser sollte
als der Stählerne in die Annalen aufgenommen werden. Dieser hatte zuvor lange
auf der Weidelsburg dem König gedient, doch sah man ihn nie in der Kanzlei, und
man flüsterte sich zu, er sei ein besonders geheimer Geheimrat gewesen. Er war
freilich erbost über Beleidigungen durch die Wanderprediger, so schickte auch er
wandernde Mönche aus. Diese verbreiteten, dass die alten Priester im Norden
durch und durch ungebildet wären und dass allein die Mönche der Ilva die
Überlieferungen recht auslegten. Ebenso sprach man zu den Scholasten in der
Akademie. Und besonders lästerlich sprach man über die Priester von Tegelingen,
denn der Stamm der Tegelinger hatte gerade erst dem König die Treue geschworen
und war erst vor kurzem in Weidelsberg sesshaft geworden. Die Priester von
Tegelingen würden weder lesen noch schreiben können, nackt herumlaufen bis auf
ein paar Felle um die Lenden und in ihren Kulten so große Mengen Met trinken,
dass sie oft während des Götterdienstes torkelnd umfielen. Freilich empfahlen
nun die in Metzarum ausgebildeten Rechtsgelehrten und Beamten den Zünften,
Gilden, Grafen und Schulzen, die über die ihnen gehörigen Tempelanlagen
verfügten, Mönche aus Metzarum oder wenigstens dort ausgebildete Priester
einzusetzen. Ebenso sprach sich der Erzkanzler, der ja ein Mönch aus Metzarum
war, dafür aus, dass alle Tempel gleiche Liturgien verwenden sollten und dies am
ehesten erreichte würde, wenn alle Tempel vom Ilva-Orden betreut würden. Nun
wurde überall im Reiche Zorn gesät. Schnell konnten die Wanderprediger des
Nordens die forkenburger Grafen und ihre Hintersassen überzeugen, denn schon
lange fürchteten und neideten sie die Privilegien der Akademie. Erfolg hatten
auch die Boten des Ordens und in einigen Ortschaften begannen nun Mönche mit der
Leitung im Tempel. Der größte Erfolg des Orden war es freilich, dass sie Herzog
Albert von Garvensburg überzeugten den großen Tiori-Tempel in Carveningen den
Mönchen zu übergeben. Bekanntlich heißt es, Herzog Albert selbst hätte dem
Tempel einige wertvolle Reliquien, wie das Schwert des Carvenius Konradin,
entwendet, nachdem seine Büttel ihn für den Orden geräumt hatten.
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