Die Geschichte der erédischen Orden
Kapitel 3: Der Forkenburger Krieg und Hektor der Große
Im Jahr 1124
wurde schließlich Iandal von Weidelsberg von den vier westlichen Herzögen zum
König von Erédia gewählt. Das Herzogtum Forkenburg und das darinnen gelegene
Metzarum blieben vorerst außerhalb dieses Reiches. Zu gleich beanspruchte Arnulf
von Lawegon die erédische Königswürde und begründete im Osten ein gleichnamiges
Reich, welches jedoch von den Getreuen Iandals lediglich Großherzogtum Lawegon
genannt wird. Doch diese Ereignisse hatten keine Auswirkungen auf den Orden der
Ilva zu Metzarum. Erst nach dem Ende des forkenburgischen Krieges 1157 wird
Forkenburg, samt Metzarum, Akademie und Kloster Teil des Reiches. In diesem
Krieg zwischen König und Gegenkönig von Erédia rangen die beiden Reiche um
Forkenburg. Letztlich setzte sich das westliche Reich durch. Grund dieses
Krieges war eine Erbstreitigkeit gewesen. Nach dem kinderlosen Tod des damaligen
Herzogs von Forkenburg forderte der Großherzog von Lawegon den Heimfall dieses
Landes an seine Krone, denn er sah sich als rechtmäßiger König von Erédia. König
Ulrich, freilich der wahre König, verbündete sich mit einem Neffen des toten
Herzogs und setzte sich für dessen Einsetzung ein. Und wie es unter Fürsten in
solchen Fragen der Brauch ist, begann ein großer Krieg, aus dem der rechtmäßige
König siegreich hervorging. Nachdem nun Ulrichs Truppen die Lawegonier aus
Forkenburg vertrieben und eben dieses Herzogtum besetzt hatten, blieb den
Lawegoniern nichts an anderes übrig als einen Friedensvertrag zu unterzeichnen,
der weitere Kampfhandlungen unterband. Mit dieser Grenzziehung war freilich
keiner von beiden zufrieden, da ja beide Fürsten ganz Erédia als ihr
Herrschaftsgebiet ansahen, und noch aus dieser Zeit leitet sich die alte
Feindschaft von Erédia und Lawegon ab, doch mit all diesem sollen sich andere
beschäftigen, denn diese Abhandlung soll bekanntlich die Geschichte der
erédischen Orden erzählen, wenn gleich auch die Geschichte Erédias eng mit
dieser verbunden ist.
Das Kloster und die Akademie von Metzarum wurde in diesem Krieg weder durch Erédier noch durch Lawegonier geplündert, wenn gleich auch beide verlangten,
dass die Brüder die Verwundeten versorgen und freilich auch ein paar ihrer
Vorräte aushändigen sollten. Nun war aber Freiherr Hektor von Elbenberg
Marschall von Erédia und er hatte die siegreichen Truppen angeführt. Freiherr
Hektor war der Lehnsherr des damals ziemlich unbedeutenden Elbenberg und
entstammte weitläufig dem Geschlecht der Markgrafen von Morgenend, doch er hatte
wenige Jahre zuvor schon Einfälle von Orks und Kahlemannen im Norden abgewehrt,
wodurch er Ruhm und Ehre erlangt hatte. Der damalige Herzog von Hellensberg,
welcher das Amt des Erzmarschalls am Könighof stellen musste, bestimmte den
jungen Freiherrn als seinen Vasallen das Amt seiner statt auszuüben. Der Herzog
war bereits im Greisenalter und noch immer kinderlos. Er verstarb noch während
des Krieges und mitten im Schlachtgetümmel überbrachten die Boten dem Marschall
das Testament. Der Herzog vermachte sein Lehen seinem offensichtlich treuesten
Vasallen, was den bislang recht bescheidenen Lehnsmann freilich zutiefst
erfreute. Nach dem glücklichen Ausgang des Krieges verlangte der nun
durchlauchte Marschall einen Lohn, sprich einige Gemarkungen, für seine Treue
gegenüber Krone und Reich, denn der junge Hektor hatte es insbesondere auf das
reiche Metzarum abgesehen. Dies brachte König Ulrich in arge Schwierigkeiten.
Zwar hätte der König seinem Marschall einige Ländereien und selbst ganz Dörfer
in Forkenburg überlassen können, doch die alten Lehnsherrn, die Grafen und
Ritter Forkenburgs, standen in großer Zahl wohl gerüstet in den Reihen des
Königs und mit ihnen freilich der Neffe des toten Herzogs von Forkenburg, dem
alle Soldaten des Königs geschworen hatten sich an seiner Rache zu beteiligen.
Freilich konnte er auch Marschall Hektor nicht leer ausgehen lassen, denn auch
ihm, dem glorreichen Feldherrn, hatten alle Ritter die Treue. Und wie es Brauch
ist in drakkmannischen Heeren waren die Soldaten bereit, ihren Heerführer
treuherzig zu folgen, gegen wen auch immer sie sie führten. Freilich war König
Ulrich auch nicht bereit gewesen von seinen eigenen Besitzungen und Regalien
abzugeben. So kam ihm der folgenreiche Gedanke, dem jungen Herzog Hektor, das
herzogliche Lehen Hellensberg mit allen zugehörigen Ortschaften Hektor als
Eigentum zu überlassen. Dieser war hiermit zur Freude des Königs einverstanden,
denn so erlangte er nicht nur alle Dörfer Hellensbergs, sondern auch die
bisherige königlich erédische Reichsstadt Mittelgoth wurde ihm zugesprochen.
Ebenso erlangte er das Recht alle bisher dem König zugesprochenen Steuern
Mittelgoths selbst einzuziehen, ebenso wie die Zehnten von Hellinggoth,
Hernetmark und Rieda, was bisher den dortigen Grafen zu Gute kam. Obendrein
wurde das Herzogtum Hellensberg vom Dienst befreit, das Hofamt des Marschalls
auszustatten, was wahrlich eine Ersparnis war, denn dieses war mit den
Lieferungen von Pferden verbunden sowie mit der Besoldung der Hauptleute. Den
Titel eines Heerführers von Erédia behielt jedoch Herzog Hektor, sodass er auch
weiterhin über ein viertel des erédischen Heeres befehligen konnte.
Herzog Hektor, der schon zu Lebzeiten der Große genannt wurde, ersann nun den
Gedanken, die alten Grafenhäuser Hellensbergs abzusetzen und seine zahlreichen
mit ihm verwandten Günstlinge als Landvögte einzusetzen. Schon während des
forkenburgischen Krieges hatte er Bekanntschaft mit dem Orden der Ilva gemacht.
Er interessierte sich zwar wenig für die akademischen Wissenschaften, doch das
Zölibat der Brüder fügte sich vortrefflich in seine tollkühnen Pläne ein. Schon
kurze Zeit später nahm er Gespräche mit dem Orden auf und versprach ihm ein
Kloster unweit von Rieda zu stiften und diesem als Pfründe auch weitläufige
Ländereien zu überlassen. Dies erfreute freilich den Orden und schon 1158
schickte man einige Brüder nach Rieda, um die Vorbereitungen zu treffen. Durch
den Frondienst der riedaer Bauern wurde ein prächtiges Gebäude erbaut und 1162
eingeweiht, obwohl es noch nicht ganz vollendet war. Der Orden von Metzarum
setzte Theobald als Abt des riedaer Stiftes ein und dieser führte dort auch die
Regeln Stephanus des Gescheiten ein. Mit ihm kam nur eine Hand voll anderer,
wohl ausgebildeter Mönche aus Metzarum, doch dies entsprach genau den Plänen des
Herzogs. Nun entmachtete Herzog Hektor die Grafen von Hellensberg, ließ sie ihn
braune Kutte kleiden und schickte sie ins Kloster. Unter den
Enthaltsamkeitsregeln des Ilva-Ordens mussten die edlen Geschlechter zum eigenen
Leidwesen aussterben, wodurch die Herrschaft des Geschlechtes von Hektor dem
Großen endgültig durchgesetzt wurde. Sogleich setzte Herzog Hektor der Große
begünstigte Blutsverwandte als Landvögte ein, ebenso tat er es mit der
ehemaligen Reichsstadt Mittelgoth, deren Bürgermeister von nun an ebenfalls aus
dem hellensberger Geschlecht stammten. So entwickelte sich ein zweites Kloster
der Ilva. Obgleich Abt Theobald von der Zunft der Schmiede von Metzarum ein
gewaltiges Zeichen der dreimalgroßen Ilva erhielt, da die Zunft von alters her
mit dem Orden befreundet war, weil dieser mit ihnen ihre metallurgischen
Entdeckungen teilten, konnte sich doch Rieda Metzarum nie als ebenbürtig
erweisen. Rieda fehlte nicht nur die umfangreiche Sammlung Kwickels mit all
ihren Schriften, Essenzen und Extrakten, auch die neuen Brüder waren
gewissermaßen ungebildet. Während der Ilva-Orden in Metzarum sich ständig durch
wohl gebildete und eifrige Magister verjüngte, musste man in Rieda oft mit den
zweitgeborenen Söhnen der dortigen Hintersassen vorlieb nehmen. Erst als die
Buchdruckerkunst in Rieda eine Heimstatt fand, konnte auch das Kloster in der
Wissenschaft auftrumpfen, denn von nun archivierte und verfasste es unzählige
Schriften der ansässigen Druckereien, doch letztlich beschäftige das Kloster
Rieda die meisten ihrer Brüder mit dem Ackerbau. Als das Gerücht die Runde
machte, der wackere Ritter Klaus von Madga halte sich auf dem Klauskopf bei
Rieda auf, konnte das Kloster auch außerhalb Riedas religiöse Bedeutung
gewinnen.
Der Beitritt der Herzogtums Forkenburg in den Bund des Königreichs Erédia hatte
auch für das Stammkloster in Metzarum weitreichende Folgen. Zuerst wurden
Metzarum erneut die Rechte einer königlich erédischen Reichsstadt zugewiesen.
Dies gliederte die Stadt aus dem eigentlichen Herrschaftsbereich des Herzogs
aus. Für die Akademie hatte König Ulrich jedoch besondere Pläne. Seit dem
Zerfall des Drakkmannenreiches hatte die Kultur Erédias stark gelitten und die
hohen Beamten des Reiches bedurften guter Ausbildung, um ihre Pflichten zu
erfüllen. Neben Advokaten, Medici und Mathematikern beliebte es jedoch König
Ulrich auch nach anderweitig vielseitig Gelehrten, deren Künste dem Königreich
überaus hilfreich sein könnten. Da er aber über diese listreichen Gedanken
Geheimhaltung wünschte und er auch verhindern wollte, dass sein Vorhaben durch
die misstrauischen forkenburger Hintersassen vereitelt wird, richtete der König
die akademische Rechtsprechung ein. Er trennte den Orden der Ilva zu Metzarum
samt Kloster und Akademie endgültig vom politischen Einfluss der Ratsherren und
ihrer Beamten. Die Akademie von Metzarum erhielt einen Status der dem einer
freien Reichsstadt ziemlich nahe kam. Die neue Verfassung jedoch unterschied
sich von Städten dadurch, dass sie keine Steuern zahlen mussten und ihre
Rechtsprechung und auch Teile der Forschung geheim halten dürften. Dies alles
verwunderte die Herzöge und Grafen Erédias sehr, denn dies war das erste und
einzige Mal, dass Kronland und Regalien in die Hände des Klerus übergeben
wurden.
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