Die Geschichte der erédischen Orden

Und damit verbunden die Geschichte Erédias und die der Akademie
 

Kapitel 1: Die Gründung der Akademie

Dies ist die Geschichte der Mönche, Klöster und Orden in Erédia. Im Vergleich mit den Stammbäumen der Markgrafen von Morgenend oder gar mit den Annalen der Erzkanzler von Erédia ist sie eher jung, doch sie ist eng verwoben mit der Gründung der Akademie zu Metzarum, dem Untergang des drakkmannischen Imperiums, den Reisen des Karolus Erthra, der gleichzeitigen Krönung Iandals und Arnulfs zu erédischen Königen, dem forkenburgischen Krieg und freilich mit dem Pfaffenkrieg. Doch beginnen möchten wir mit einigen einführenden Worten über den Klerus der Drakkmannen und Traven. In alter Zeit gab es überhaupt keine Klöster; es kam aber sehr wohl hin und wieder vor, dass die Priester eines Tempels in Gemeinschaft lebten, dies hatte jedoch wenig mit den Klöstern späterer Tage zu tun, denn diese Heime unweit der Tempel unterschieden sich nur wenig von den Dienstbotenquartieren heutiger Fürstenhöfe. Schon immer war drakkmannischen Priestern ein gewisses Maß an Mäßigung vorgeschrieben. So dürften sie selten mehr besitzen, als sie selbst verbrauchen konnten; ebenso war und ist es ihnen verboten zu heiraten. Selbst bei den freien Traven, die sonst weder im Frieden noch im Krieg ein Maß kennen, ist es Brauch, dass sich Priester, Schamanen und Geweihte im Verzicht üben, indem sie etwa ruhelos umherwandern oder sich an meist einsame, heilige Orte zurückziehen. Nun soll genug gesagt sein über die althergebrachten Priester und wir möchten zum eigentlich Thema der Abhandlung gelangen, nämlich der Geschichte der Orden drakkmannischen Glaubens.

Doch diese Geschichte klerikaler Evolution kann nicht verstanden werden ohne die Geschichte der Akademie für Gelehrte zu Metzarum, denn just in dieser Stadt, im erédischen Herzogtum Forkenburg gelegen, begann jene Geschichte, die ich zu erzählen beliebe. Zur Blütezeit des drakkmannischen Kaiserreiches hatte dort der berühmte Alchemist, Philosoph und Universalgelehrte Cornelius Kwickel besagte Lehranstalt im Namen des Kaisers gegründet, wobei jedoch die Stiftung selbstverständlich eher dem Kaiser höchst selbst zuzuschreiben ist. Im Zenit seiner Macht bedürfte das Drakkmannenreich unzähliger Schreiber und Gelehrter um die Wundertat der Verwaltung eines Großreiches zu vollbringen; es war nämlich so, dass die Könige, Grafen und nicht einmal seine aller erhabenste Kaiserlichkeit selbst trotz noch so hoher Geburt freilich weder dazu bestimmt noch dazu befähigt waren, das Land von den Nebelbergen aus, dem Lauf des Anders folgend, allerliebst zu kartographieren, die Vielgestaltigkeit göttlicher Schöpfung angemessen zu erkennen und zu verbreiten, geschweige denn die Aufzeichnungen der drakkmannischen Historien auf ewig und drei Tage zu archivieren. So ermangelte denn die Notwendigkeit den Kaiser mittelbar durch Cornelius Kwickel besagte Stätte im alten Metzarum einzurichten. Nun wurde denn dort viele Jahrhunderte eifrig geforscht und gelehrt in allen nur erdenklichen Disziplinen und selbst die Künste der dreimalgroßen Ilva sollten dort erstrahlen, wie nirgendwo sonst südlich des großen, kalten Meeres, an dessen nördlichstem Ufer allein die unsterbliche Ilva selbst in ihrem elfenbeinernem Turm mehr weiß über die großen Geheimnisse als die Akademie der Sterblichen zu Metzarum, so lange bis Dail fürchterliche Wendungen in den Gedärmen der Welt liest, wenn er diese, ein leuchtendes Uhrglas in der Hand haltend, erforscht.

Und fürchterliche Wendungen sollten kommen über die Kaiser, die Gelehrten und auch über alle anderen Drakkmannen. Ja selbst, die Sterne sollen zu jener Zeit nur fahl geleuchtet haben, als wären auch sie nur ein Abglanz älterer Tage, in denen Vigar selbst die Züge der drakkmannischen Horden gelenkt hatte. Im Jahre 967 nach kaiserlicher Zählung wurde der letzte Kaiser Ludowig hinterrücks ermordet und das gesamte Reich verfiel dem sich entfalteten Chaos. Da stritten die Söhne und Günstlinge des toten Kaisers um dessen Krone, die bis heute keinen Träger gefunden hat. Es erhoben sich die Fürsten der Grenzmarken und sie schüttelten die Lasten ihrer Vasallität ab. Das ganze Reich zerfiel und wurde von blutigen Kriegen heimgesucht, wie man sie seit den großen Wanderungen nicht mehr gesehen hatte. Drakken, die altehrwürdige Heimat des Kaisergeschlechtes, wurde unter den Erben nach blutigen Kämpfen aufgeteilt. In Armathan erhob sich ein neues Königsgeschlecht, welches Ruhm und Glanz der alten Tage zu wahren versuchte, doch das alte Land Erédia, dessen Krone von Alters her ebenfalls im großdrakkmannischen Kaisertum aufging, verfiel in etliche kleine Herzogtümer, die keine Skrupel kannten einander in Raubzügen und Eroberungskriegen heimzusuchen. Obendrein begannen just in jenen unglücklichen Tagen auch die Einfälle der Alisier in die südlichen Gemarkungen des Kaiserreiches. In all diesem Trubel stand noch immer die Akademie für Gelehrte zu Metzarum, besetzt durch die Magister und beseelt durch unzählige Pergamente in Rollen und in Bänden. Sie setzten den Betrieb fort und wie durch ein Wunder der Ilva blieb die Akademie vor Plünderungen und Brandschatzungen verschont.

In jener Zeit des allgemeinen Niedergangs begab es sich aber, dass der junge Scholast Karolus Erthra angetrieben vom unglaublichsten Forscherdrang, der nur die Günstlinge der Göttin Ilva beseelen kann, Metzarum verließ, um Lawegon, den großen Osten des alten Erédia, zu erkunden. Hier fand er großes Chaos, welches ihn zutiefst erschütterte, sodass er seinen berühmten Reisebericht "Durch das wilde Lawegon" nannte. Er besuchte die antiken Stätten, das verfallene Crabba, manch Ruine Nesserils und auch einige erst vor kurzem gebrandschatzte Drakkmannenstädte. Von all dem Grauen angewidert verließ er Lawegon und erreichte die nördlichen Steppen, wo er endlich auf seinen späteren Gefährten traf, den Häuptling Winnehard, der den Stamm der Videlinger führte. Angeregt von den urwüchsigen Riten der dort ansässigen Schamanen entwickelte er dort ihn Anlehnung an die Theorien von Ilvasmut und Kwickel die Lehre von den drei Wirklichkeiten, in welcher er die drakkmannische Wissenschaft harmonisch mit der urtravischen Mystik verband. Doch von dieser Wissenschaft soll hier nicht weiter gesprochen werden, denn davon ist bereits anderweitig gesagt und geschrieben worden, was weit aufschlussreicher sein dürfte als diese Abhandlung über klerikale Entwicklungen des erédischen Interregnums.

Gar überaus erstaunt war Karolus Erthra vom einfachen Leben der Videlinger. Dies schildert er ausführlich im besagten Hauptwerk: "Sie tragen einfache Kleider von Leinen, darüber lederne Harnische und selbst ihren Häuptling krönt lediglich ein eherner Helm. Doch nichts ist wunderlicher als ihr Tagewerk. Tagaus tagein kümmern sie sich rührlich um ihre Rinder, Schafe und Pferde. Wenig machen sie sich aus Dingen, die schwerer sind, als dass ein Mann sie tragen könnte. So wandern sie bescheiden durch die Steppen und erfreuen sich alter Sagen und Lieder am Lagerfeuer, statt sich in purpurnen Gewänder dekadenten Gelagen hinzugeben, wie es nun die kriegerischen Fürsten der verfallenen Reiche tun." Er deutete die Lebensart der Traven als mühselige Arbeit, als einen Verzicht auf vielerlei weltliche Unnötigkeiten, um sich so ganz dem Dienst an den Göttern zu widmen, denn die Traven sind und waren allezeit furchtsamer gegenüber den Göttern als die Bewohner des großen Reiches. Daraufhin setzte Karolus Erthra das Primat der Seelen und Ideen vor dem Fleische fest. Diese Gedanken nahm Karolus Erthra nun mit zurück in die Akademie für Gelehrte zu Metzarum. In demutsvoller Heilserwartung sammelte er Magister und Scholasten um sich und einige Jahre später wurde eine Bruderschaft in Metzarum gegründet. Ihnen lehrte Karolus Erthra, dass man durch den Verzicht auf liederliche Taten und Gedanken den Geist befreien könne, sodass dieser in das Reich der Ideen und Formen einblicken könne, wodurch letztlich die Seele selbst, also die Quintessenz des Menschen, in höhere, ja unsterbliche Sphären vordringen könne, was wohl nicht nur den Lob der Unsterblichen mit sich bringen würde, sondern auch der alleinige Weg der Gerechten sei. Von allen Göttern schätzte Karolus Erthra Dail am meisten, denn dieser galt ihm als Walter über die Quintessenzen; ferner freilich sah er Erthra hoch an, denn sie galt als Königin der Schöpfung, deren Erforschung sich die Akademie zur Aufgabe gemacht hatte.


 

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