Der Niskus


Im Folgenden möchte ich den Begriff und den Titel Niskus erläutern, mit denen sich die Kampfmagier im Dienste des Königs schmücken, wobei ich mich lediglich auf die Herkunft und die Entstehung des Titels beschränke.
Nach den mir vorliegenden Schriften und den Studien, die ich betrieben habe, zu urteilen, wird der Begriff das erst mal von einem Geschichtsschreiber an einem mir unbekannten Königshofe genannt. Ich vermute, dass es ein Königshof im Osten von Eredia, aber noch innerhalb des alten Reiches sein muss, wo dieser Geschichtsschreiber gelebt hatte.
Nach längeren Untersuchungen der Pergamente, konnte ich feststellen, dass die Schriften rund 300 Jahre alt sein müssen.
 
Nach längerem Studium der Pergamente ergibt sich mir folgendes Bild:
Vor also rund 300 Jahren an einem mir fremden Königshofe im Osten von Eredia gab es einen königlichen Alchemisten und Pfleger der Kunst mit Namen Xavian Neri. Er war der Ratgeber des Königs. Eines Tages wurde ein kleines Kind zum König gebracht. Es soll nur wenige Wochen alt gewesen sein. Dem Geschichtsschreiber zu folge war der Vater sichtlich unglücklich und entkräftet.
Als man ihn fragte, was er vom König wolle, sagte er:
"Verehrter König! Dieses Kind ist ein Dämon! Seine Mutter, meine geliebte Frau, ist bei seiner Geburt gestorben. Seine Geschwister sind alle verrückt geworden, als wir das Kind in ihre Nähe ließen. Selbst die Ammen weigerten sich dieses Kind zu stillen. Es schreit ununterbrochen wilde Töne, die keiner versteht, und seine Augen flackern in der Nacht.
Ich halte das nicht mehr aus. Wenn ich schlafen will, höre ich es. Aber nicht durch meine Ohren; nein, es ist in meinem Kopf. Ich bin am Rande des Wahnsinns. Wenn ich nicht die Götter ehren würde und Respekt vor ihrer Schöpfung hätte, hätte ich es längst erschlagen. Ich bitte euch Herr, oh mein König, was soll ich tun?" Der König sah sich das Kind an und schauderte. Es war sichtlich unterernährt und es wisperte tatsächlich wirsche, unverständliche Worte. Er ließ es zu Xavian Neri bringen.
Der Geschichtsschreiber schreibt nichts über die Untersuchungen, die der Berater des Königs angestellt haben muss. Mir scheint, er hielt nichts von dem was Neri war. Er vermutete, dass der "sonderbare Ratgeber", wie er ihn nannte, das Kind untersucht und dem König geraten habe, das Kind in seiner Obhut zu lassen, da es zwar kein Dämon sei, aber ein sehr besonderes Kind. Hier endet der Geschichtsschreiber mit seiner Erzählung.
 
Doch auf einem andern Pergament steht ein Bericht, der von dem gleichen Schreiber stammen muss.
In seinem Text beschreibt er eine Zeremonie, in der ein junger Mann vom König geehrt wurde. Aus den ausschweifenden und prunkvollen Erzählung des Schreibers wird klar, dass es vor dieser Ehrung, mit der er begonnen hatte, einen langen Krieg gegeben hatte. Der König, welcher der gleiche sein muss, wie bei meinem ersten Bericht, hatte ein Reich bekriegt, mit dem er schon lange im Konflikt stand. Die königlichen Truppen sollen demotiviert und ausgelaugt gewesen sein. Ihr anfänglicher Eroberungsdrang wurde schnell von dem harten Widerstand der Verteidiger verscheucht. Als der Krieg und die Position des Angreifers zu kippen drohten, sandte der König einen Reiter ins Feld, der anders war als all seine Ritter. Er war nicht gepanzert, sondern trug nur einen schwarzen Umhang.
Was dann auf dem Schlachtfeld geschah, kann ich nicht erörtern. Der Geschichtsschreiber fällt in einen Schwall von bunten und wilden Ausführungen, die ich nur als alisische Zirkusvorstellung interpretieren kann.
Jedenfalls muss dieser sonderbare Mann ein mächtiger Magier gewesen sein, der es verstanden hat die Kunst zu benutzen. Denn der Schreiber berichtet von Feuerbällen und Blitzen vom Himmel, Donnergetöse und schrillen Lauten, Eisregen und Wirbelwind. Man schaffte es das feindliche Heer zu schlagen und das verfeindete Reich zu erobern.
Dem Schreiber zu Folge wurde bei dieser Zeremonie der eigenartige Magier geehrt, mit dessen Hilfe der Krieg gewonnen wurde.
An dieser Stelle erwähnt der Schreiber erstmals den Namen des Magiers. Er nennt ihn: Nykus.
 
An anderer Stelle schreibt der Geschichtsschreiber, dass kurz nach dem Krieg der König befahl, dass der Ratgeber des Königs Xavian Neri ausziehen solle, um fähige Männer zusuchen, denen man auch "solch mächtige Dinge", wie der Schreiber sagt, beibringen könne.
Nach einigen Jahren kam dann Neri zurück mit einer Hand voll junger Burschen und Knaben. Er nahm sie alle mit in seine Räume unter die Burg. Dort muss er sie in der Kunst unterwiesen haben. Schon bald standen dem König 13 Männer zur Seite, die alle samt fähig waren die Kunst aus zu üben. Jeder von ihnen bekam den Titel Nykus in seinen Namen. Der Anführer dieses Zuges war natürlich der erste, den Neri ausgebildet hatte. Der Geschichtsschreiber bezeichnet die Männer vorsichtig als kühl und teilnahmslos. Sie schienen alle unter enormen Belastungen zu stehen.
Jedenfalls war der König so sehr von dieser Macht beeindruckt, dass er glaubte er sei unbesiegbar. Doch als er immer mehr Länder unter seinen Besitzt brachte und die Magier immer härter geprüft wurden, gab es einen Bruch zwischen dem König und seinem Ratgeber Xavian Neri. Er behauptete seine Zöglinge könnten nicht so viele Belastungen aushalten und bräuchten Ruhe. Doch der König wies ihn zurück und setzte seine Eroberungen fort. Darauf reiste der Ratgeber des Königs zu den Schlachtfeldern, um nach seinen Schülern zu sehen.
Hier endet der Bericht des Schreibers.
 
Meine weiteren Erläuterungen stützen sich nur auf Vermutungen und einigen Andeutungen in einem anderen Geschichtsbuch aus dieser Zeit.
Demnach musste der Alchemist und Ausbilder der 13 Nykusse feststellen, dass 2 seiner Zöglinge gefallen waren und der Rest kaum mehr Kraft hatte, weiter zu kämpfen. Er versammelte des Nachts die übrigen 11 Nykusse, um sich und beriet sich mit ihnen. Darauf müssen sie geflohen sein. Was dann geschah ist nur schwer nach zu weisen. Ich vermute, dass sie an andern Höfen Anstellung als Hof- und Kampfmagier erhielten und so ihre Kunst des Kriegszauberns und der Lehre über die allgemeine Kunst an Jüngere weitergaben, die dann auch den Titel des Nykus erhielten.
Es liegt auf der Hand, dass jenes Kind, was damals zum König gebracht worden war, später Nykus war.
Der Ratgeber des Königs Xavian Neri muss bei ihm ungeheurer Energie oder Spuren von Macht entdeckt haben. Er muss sie geformt und den Jungen ihn der Kunst unterwiesen haben. Die Formeln und die Sprüche, die an den Jungen weitergegeben wurden waren, müssen sehr mächtig gewesen sein. Denn es ist schon erstaunlich, dass ein einzelner Mann ganze Heere vernichtet haben soll.
Jedenfalls steht fest, dass vorher nirgends über solch einen ähnlichen Vorgang geschrieben wurde. Auch ist hier das erste Mal von einem Nykus die Rede. Es steht außer Frage, dass dies die Entstehungsgeschichte des Titels Niskus ist, denn durch den Lauf der Zeit können sich Worte durch ihren Gebrauch und die Ferne, über die sie getragen wurden, verändern. Auch die Aufgaben, die jene Nykusse damals hatten, sind bei nahe die gleichen wie die Niskusse in den königlichen Heeren heute.


Aus der Sammlung "Geschichtliche Ereignisse" der Akademie für Gelehrte zu Metzarum

Vari Alovan

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