Über die Natur der Dinge

 
Seit unzähligen Altern beschäftigt die Freunde der Forschung die Frage, was die Welt wohl im Innersten zusammenhalte. Schon vor Urzeiten unterteilten die Neskerilischen Gelehrten jegliche Stoffe in vier Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Luft. In den Tagen lange vor Ankunft der Traven an den Nördlichen Küsten traten die großen Alchemisten Neskerils auf, deren letzter Schüler Artix Aeris war. Sie versuchten die Elemente in Reinform zu Erhalten, um sich so der Urkräfte zu bedienen, die aus vier Elementen Welt werden ließen. Dies gelang ihnen jedoch nicht mit Dingen, die nur selbst aus den vieren bestanden. So widmeten sich die Neskeriler der Magie und Hexerei. Sie vermuteten tief im Innersten der Elemente Dämonen und Geister, die die Elemente wie Seelen bewohnten. Im Feuer schlängelt der drachenhafte Salamander, dessen innere Kälte das Leben in den heißesten Flammen ermöglicht. Das Wasser durchströmen die Undinen, deren Tanz und Sang sich in den Wellen niederzeichnet. Die Sylphen sind die Seelen der vier Winde und des lebendigen Atems. Im inneren von Stein und Staub ruhen Kobolde, Trolle und ähnliche Geister. Die Neskeriler machten sich nun daran die Seelen der Elemente zu beschwören, sie zu versklaven und mit den freiwerdenden Kräften allerlei Schändliches auszuhecken. Doch wehe euch, Freund der Forschung, die Tage der zügellosen Dämonlogen sind vorüber. Böses mag tief in der Erde oder hoch in den Wolken lauern und ruhelos werden Flamme und Flut, wenn man sie einmal erweckt hat. Der Untergang Neskerils in Vigars heiligen Zorn, ausgeführt durch die Hand ruhmreicher Traven, mag Strafe sein für diese Missetaten.

Die Traven hatten anfangs wenig für die Alchemie und alle anderen Wissenschaften übrig und fürchteten diese Künste, wie es die meisten ihrer Stämme noch heute tun. Es war Iselbert Ilvasmut, ein Ratgeber des Drakkmannenkaisers, der einige der alten Schriften in steinernen Tafeln wiederentdeckte. Er verwarf die Alchemie der Gottlosen und begründete das, was wir heute drakkmannische Wissenschaft oder ernsthafte Forschung nennen. Nach Ansicht dieser drakkmannischen und einzig wahren Wissenschaft gebieten in erster Linie die Götter über die Elemente. Jene kleine Seelen aber, die allen Dinge innewohnen, seien die Seelen der Dinge. So sei alles beseelt und lebendig und somit vergänglich. Seelen wohnen in Tieren und Menschen, selbst in Pflanzen. Auch den Metallen wohnt eine meist stumme Seele inne. Wenn die Metalle sterben, dann rosten sie. Steine sterben und verfallen zu Staub. Selbst Wasser kann vergehen. Und wer schon einmal das "Donner und Doria" in Tegelingen besucht hat, weiß auch das Luft faulig werden kann.
Über all diesem thronen jedoch die Unsterblichen. Silto und Kianna gebühren über die Flammen und beherrschen Salamander und Feuergeister. Tiori ist der König des Himmels und der Sylphen. Die Undinen sind Nixen aus Tioris Gefolge. Grold und Dail sind die Herren der Erde und Tiefe und beherrschen jene schrecklichen Geschöpfen, die darinnen hausen. Iselbert Ilvasmut fügte jedoch ein fünftes Element der neskerilsichen Zählweise hinzu, den Äther, den Stoff aus dem die Seelen sind. Diese Quintessenz sei Ursprung allen Fühlens und Lebens und getrennt von den vieren, während die Neskeriler die Seelen in den vieren vermutete. Iselbert Ilvasmut gab den Weg des Dails als Beweis an. Im Traum verlasse die Quintessenz den Körper und somit die vier Essenzen. Seelenlos bleibt der Körper zurück, während die ruhelose Seele durch Wald und Flur streift. Genauso Beweis ist, dass die Seele den Körper bei Eintritt des Todesverlässt, um Dails Hallen zu betreten. Die Trennbarkeit von Stoff und Seele macht die Existenz der Quintessenz Äther unbestreitbar.

Einige Jahrhunderte später entwickelte der Philosoph und Alchemist Cornelius Kwickel die Gedanken Iselbert Ilvasmuts weiter. Er gilt als Gründer der Akademie für Gelehrte in Metzarum und als Entdecker des Quecksilbers, welches ihn als schillernde Muse in den Bann zog. Er vervollständige das Ilvasmutsche Weltbild um die drei Prinzipien, die er den Substanzen Schwefel, Salz und Quecksilber sinnbildlich zuordnete. So wirken auf und in den fünf Elemente die drei Prinzipien. Salz und Schwefel widerstreben einander und liegen im ewigen Kampf, doch das Quecksilber ist ruhender Pol von Makro- und Mikrokosmos. Salz fühlt sich zum Salz hingezogen und Schwefel zum Schwefel. Das einleuchtendeste Beispiel der Kwickelschen Lehre ist das der Blume. In der Blüte sammelt sich der Schwefel, der von den schwefelig brennenden Sternen angezogen wird. Daher strebt die Blüte gen Himmel. Tief in der Erde liegen die Salzstöcke zu denen die Wurzeln wachsen. Das Quecksilber aber ruht in den Blättern, die nach allen Seiten gerade wachsen, genau wie ein ausgegossener Tiegel Quecksilber auf einer glatten Fläche nach allen Seiten fließt. Deutlich werden die drei Prinzipien auch an den Kindern der Leann. Lunnas, die Sonne, und Fionn, die Mondfrau, liegen wie Schwefel und Salz im ewigen Streit, während Erinn im Kleid der Soniana die Welt in ihren Fugen hält. Im silbernen Kleid des Dail lockt Fionn die Seelen der Toten aus den Tiefen von Dails Reich, dem Salz der Erde. Daher gehört auch die Nacht besonders bei Vollmond den Geistern der Verstorbenen.

Der bekannte Dichter und Philosoph Karolus Erthra entwickelte ebenfalls die Drakkmannische Wissenschaft weiter. Bekannt wurde er durch sein Werk "Durch das wilde Lawegon". Auf seinen Reisen entwickelte er die Gedanken um die drei Wirklichkeiten. Dieser Gedanke entstand wohl durch sein Zusammentreffen mit dem travischen Volksstamm der Videlinger, die nördlich von Lawegon die Steppe durchziehen. Angeregt von den Ritualen der Schamanen kam er von Ilvasmuts These ab, der Äther sei ein einfaches fünftes Element. Vielmehr kam er zu dem Schluß, der Äther sei das höchste Element, da es eine andere Form der Wirklichkeit als Feuer oder Erde beherrsche.
Karolus Erthra trennte so wieder den Äther von den Elementen, aber er sprach ihm die Wirklichkeit der Seele zu. Insgesamt beschrieb er drei Wirklichkeiten: Körper, Geist und Seele. So schrieb er in "Durch das wilde Lawegon" über die damals vollkommen entvölkerte und verfallene Stadt Crabba: "Die Häuser Crabbas sind längst verfallen und in Äonen mögen sie Staub sein wie Neskerils Paläste. Doch Crabbas Bewohner ruhen tief in der Erde in den Hallen des Dail. Doch wenn die Schriftrollen von Metzarum verrotten sollten und alle Worte der drakkmannischen Sprache vergessen sind und andere Völker die Länder nördlich des Anders durchstreifen, werden sie vielleicht sagen, dort hinter den Hügeln sei der rechte Ort um eine Stadt zu gründen. Siehe Crabba vergeht, doch die Idee Crabbas bleibt." Folglich sah er die vergänglichste Wirklichkeit, nämlich die der vier Elemente, als niedrigste.
Ideen wie die des Kreises, der Treue oder die des Guten seien ewig, selbst die Götter seien sterblicher als die Ideen. Den Seelen sprach er zwar Beständigkeit in Dails Hallen zu, doch die Seelen seien beliebig und es seien viele von ähnlicher Art, während die Ideen zueinander in keinster Weise gleich seien. Die körperliche Wirklichkeit nannte Karolus Erthra nichtig und vergänglich, doch sei sie die einzige, die ein Mensch mit seinen Augen wahrnehmen könne. Verlässt aber die Seele den Körper, wie es der Schamane im Videlinger Ritual tut, kann er in die Welt der Seelen eindringen und eins werden mit den Ahnen. Um in die Welt der Ideen vorzudringen, empfiehlt Karolus Erthra die Entsagung jeglicher Genüsse der körperlichen Wirklichkeit und gezielte Formen des Denkens, die zum Moment der wahren Erkenntnis führen sollen. Auch nannte Karolus Erthra die Forschung als Mittel zum Sprung in die geistige Sphäre. Die Erforschung der Welt sei zugleich Dienst an den Göttern und wenn man die Vielfalt der Schöpfung betrachte, sei es, als ob man in der Erthralisca lese.
 

 

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