Der Bund des alten Wissens


Die Anfänge:

Hermetik im Drakkmannen Reich hat eine sehr lange Tradition. Es ist überliefert, dass die Grundlagen der modernen Künste noch vor der Reichsgründung in Iselingen gelegt wurden. König Iselmar der Weise erkannte die Gefahr der Zerstörung des alten Wissens durch die marodierenden Drakkmannen, deren Schamanen den wahren Wert der wissenschaftlichen Erkenntnisse des alten Volkes nicht sahen, und gründete weit im Südosten das Königreich Iselingen. Er machte es sich zu Aufgabe, die Erkenntnisse des vergangenen Volkes zu wahren und zu verbreiten, auf dass sie nicht verloren gingen. Ihm ist es zu verdanken, dass wir heuer noch die alten arkanen und wissenschaftlichen Künste kennen und anwenden können. Sein Sohn Iselbert übernahm die Aufgabe, welcher sich sein Vater verdingt hatte. Er war es, der die Restauration in Gang brachte, welche sich bald immer weiter gen West durchsetzte. Bis zu seinem Tod hatte es Iselbert geschafft, zahlreiche Stammesführer und Könige davon zu überzeugen, dass das Erforschen der arkanen Künste und Wissenschaften durchaus einen Nutzen habe und eine goldene Zukunft verspreche.
So verbreite sich das alte Wissen im Gebiet der Drakkmannen und wurde Teil der drakkmannischen Kultur, da es an den Höfen der Könige und besonderen Akademien gelehrt wurde.

Zu Gründung des Kaiserreiches hatten die Gelehrten erhebliche Macht und Einfluss im Reich. Ihre Forschungen brachten Fortschritt und Reichtum, wodurch die Kaiser aber auch immer abhängiger von ihren Beratern wurden. Dennoch war die Zahl der Akademien seit Iselmars Scheiden aus der Welt der Lebenden recht überschaubar und standen meist in den Königreichen im Südosten, welche vom Einfluss Iselingens profitierten, und in Kronfurthen.

Aus diesem Grunde erhielt der altehrwürdigen Cornelius Kwickel den Auftrag seines Kaisers, auch weit im Westen und Norden des Reiches, also in Erédia und Ludowingen, solch Lehranstalten aufzubauen, um das Land "urbar" zu machen. In dieser Zeit entstand die Akademie zu Metzarum.
Doch nun zum eigentlich Kern dieser Zeilen. In jener Zeit, in der im riesigen Drakkmannen Reich unzählige Akademien, Lehranstalten und Bibliotheken entstanden, hatte man Angst davor, dass sich an den verschiedenen Orten, geprägt durch die vielerorts starken kulturellen Unterschiede, auch abweichende Lehren entwickelten oder gar Irrlehren und Blasphemie entstehen könnten. Vieler Orts kam es zu Disputen zwischen verschiedenen Schulen, die all zu oft mit Feindschaft und Verachtung endeten. Uns ist ein Fall um das Jahr 633 bekannt, der dies bestätigt. So gab es in dieser Zeit weit im Osten des Reiches die Ansicht unter den Gelehrten, dass unsere Welt wohl die Form eines Würfels mit einer aufgesetzten Glocke haben müsse. Man stritt sich im ganzen Reich über die These und entzweite sich. Der Höhepunkt dieses Streites war, dass ein gastierender Magister in der Akademie zu Kronfuhrten vom aufgebrachten Mob der Scholsten aus dem Fenster des Plenums geworfen wurde, da er die Würfeltheorie energisch zu verteidigen versuchte.
So schlossen sich die Dekane und Rektoren zu einem Bund zusammen, um über alles Wissen und jede Entwicklung zu wachen, um solche Entzweiungen zu vermeiden. Der Bund tagte einmal im Jahr oder bei wichtigen Anlässen. Schon bald wurde aber weit mehr aus dem Rat der Gelehrten, als sich die Gründer vorgestellt hatten.


Der Zerfall:

Als im Jahre 712 n.K. der damalige Archont Ehrhardt, welcher als Vorsitzender des Rates galt, das Zeichen des Bundes stiftete, eine zusammen gerollte Schriftrolle und ein Federkiel, hatte der Bund sehr hohen Einfluss im Reich.
Dieser Zustand und die Idee des Rates, der mit gutem Willen und mit der Absicht entstanden war, zum Wohl des Reiches Wissen zu vermehren und zu vereinheitlichen, war zu dieser Zeit der Höhepunkt. Jedoch verloren sich diese noblen Ideale des Ursprungs in den Machtgespielen zwischen Kaiser, Fürsten und den Archonten und Rektoren. Es wurde in den Folgejahren, in denen auch das Reich immer weiter von seiner Blüte verlor, stetig deutlicher, dass sich der Bund immer mehr Macht einverleiben wollte und dies bei vielen, der in dieser Zeit schwachen Kaisern, auch gelang.
Als im Jahr 967 n.K. der Kaiser Ludowig heimtückisch erstochen wurde und das bröckelnde Reich nun auch offensichtlich zerbrach, wurde die Welt in einen Strudel der Gewalt, des Schreckens und der Ungewissheit gerissen. Auch wenn bis heute die Verstrickungen des Bundes in den Mord am Kaiser ungeklärt sind, zerfiel auch er im Rausch des Untergangs. Dadurch, dass das Reisen zwischen den nun oft verfeindeten Königreichen oft ungewiss und gefährlich war, da viele der Legaten, welche Botschaften überbringen und Verbindung halten sollten, einfach eingesperrt oder gar erschlagen wurden, und der Rat in Kronfurthen als bald keine Rolle mehr spielte, hat es bis zum heutigen Tage keine Versammlung mehr geben.
Aber es gibt die Träger des Siegelringes mit der Rolle und dem Federkiel noch immer.
Welche Bedeutung diese haben und als was sie sich selbst verstehen, will ich am Beispiel von Eredia aufzeigen.


Der Bund in Erédia und die Kunst:

Bis zum Zerfall spielte der Bund in Erédia kaum eine Rolle. Als einzige Institution gab es die Akademie für Gelehrte, von der nur der Rektor ständiges Mitlied im Rat war. Es gab zwar immer wieder herausragende Gelehrte, welchen das Recht auf die Mitgliedschaft im Bund gewährt wurde, aber viele waren es nicht.
Als schließlich das Reich zerfiel und sich auch die Fürsten des alten Erédias entzweiten, erkannte der damalige Rektor der Akademie für Gelehrte zu Metzarum Herod Franke, dass die alte Verbindung des Bundes gerissen war. Zwar unterhielt er über Boten und Kuriere immer noch Kontakt zu guten Freunden, aber ein reichweites Zusammenwirken, um vielleicht die Fürsten wieder zu vereinen, war undenkbar. Das Reich war tot.
Herod Franke war aber ein Mann mit großer Weitsicht. Er erkannte, dass die eigentliche Aufgabe des Bundes, sich darauf zu beschränken über das Wissen und die Kunst zu wachen, nicht alles sein konnte. Er hatte aus der Geschichte gelernt und machte sich keine Illusionen darüber, dass entweder die weltlichen Fürsten oder einer seiner Nachfolger als Vorsteher der Akademie sich der Macht des Wissens bedienen könnten, um ihre finsteren Pläne durchzusetzen. Und so gründete er den Bund in Erédia neu. Franke legte fest, dass ihm die ehrwürdigsten Gelehrten Erédias angehören müssten. In den ersten Jahren waren es acht ehrwürdige Gelehrte im Königreich. Später, als das Kloster in Rieda und das Archiv auf der Weidelsburg gegründet wurden, wuchs der Bund auf dreizehn Mitglieder an, wobei es nur fünf Sozii und acht Legaten waren. Die Legaten sind das ausführende Organ des Bundes. Sie setzten den Willen durch und überbringen Botschaften. Die Sozii sind die weisesten und mächtigsten Gelehrten und Hermetiker Erédias. Sie sind über alle Entwicklungen im Land im Bilde und beraten über notwendige Schritte.

Herod Franke machte in seinem frühern Werk „Eckpunkte Arkaner Wirkung“ auf die große Gefahr aufmerksam, welche in der Macht, die Kunst wirken zu können, steckt und, dass niemand sie missbrauchen dürfe. So sollten die Mitglieder des Bundes vor allem über die Kunst, aber auch über die weltlichen Machenschaften der Fürsten wachen, um Verstrickungen und Missbrauch arkaner Künste zu unterbinden.
In den nächsten Jahren hatten die Gelehrten alle Hände voll zu tun. Kurz nach Herod Frankes Tod wurde die Akademie durch das Wirken von Carolus Ehrtra und später Abt Stephanus dem Gescheiten zum Kloster umgebaut, die Alisen führten Raubzüge bis über den Ander durch und konnten nur mit aller höchster Not zurück geworfen werden, das neue Erédia entstand und die Hallen des Klosters und der Akademie wurden von den Wirren des Pfaffenkrieges bedroht.
Da über die Beratungen und Einmischungen des Bundes in die Fügungen unseres Königreiches nur wenig geschrieben wurde und der Bund, anders als zu Kaisers Zeiten, wo er sich höchst offiziell patzig und aufstampfend in die Geschicke des Reiches eingemischt hatte, mehr im Verborgenen agierte, kann man nicht genau sagen, welchen Einfluss die Gelehrten und später auch die Mönche gehabt haben.

Bis heute hat sich nicht viel am Bund des alten Wissens geändert. Noch immer wachen sie im Verborgenen über die alten Schriften und die Discipuli, damit niemand von ihnen vom rechten Weg abkomme. Mitglieder sind ausschließlich Mönche, Gelehrte, Archihermetiki oder Niski. Zwischen den Priestern, insbesondere dem Tempel der Ilva zu Istha, herrscht immer noch ein tiefer Graben, der noch aus den Zeiten des Pfaffenkrieges herrührt. Außerdem unterscheiden sich die Wege der Lehren bereits in den Grundfesten. Verlässt sich doch der Priester allein auf die göttliche Macht, der Mönch und der Gelehrte jedoch geht eher der Wissenschaft und der Kunst nach, wonach sich noch nie ein Priester als Mitglied des Bundes zählen durfte.
Bleibt nur zu sagen, dass die Existenz des Bundes nur wenigen außerhalb dieses speziellen Zirkels bekannt ist. Selbst den Discipuli, Lektoren und Hermetikern der Akademie oder des Klosters zu Rieda ist der Bund des alten Wissens nicht bekannt.


Die Bedrohung:

Der Bund beobachtet mit Sorge eine Entwicklung nahe Hohenhewen. Dort in der Nähe der Stätte, wo sich Dail dem früheren Freiherr Hektor von Elbenberg und späteren Herzog von Hellensberg offenbarte, um ihm den Weg zum Sieg über die Kahlemannen zu weisen, hat sich im Jahre 1162 n.K., im gleichen Jahre der Einweihung des Klosters zu Rieda, ein Mann namens Nykius von Limandor oder "Der fromme Mann", wie er von seinen Nachfolgern auch genannt wird, niedergelassen und soll dort seinen Studien nach gegangen sein. Es sei nur soviel gesagt, der Mann war besessen von Dail und dessen Macht. Er gründete dort einen Kult, der versucht die Macht des Gottes und die der Kunst miteinander zu verbinden. Was Nykius Pläne waren, weiß niemand. An diesen Kult heran zu kommen und in Erfahrung zu bringen, was deren Ziele seien, war bisher schwierig. Im schlimmsten Fall gehen wir davon aus, dass sie versuchen auf irgendeine Weise mit Dail einen Pakt zu schließen, um an die Macht zu gelangen, mit dem Totenreich in Kontakt zu treten. Wir vermuten weiterhin, dass die Nähe ihres Hortes zur Weidelsburg und Hohenhewen darauf hinaus zielt, sich in die Geschicke des Königreiches einzumischen und vielleicht Einfluss auf den König auszuüben. Eine Abhandlung über die "Schwarze Lilie" findet ihr in der Sammlung "Schriften des Bundes".
Es bleibt zu hoffen, dass unsere Befürchtungen nicht wahr sind. Wenn doch, dann haben wir einen finsteren Gegner, der nicht nach Macht strebt, sondern sich weit größeren Zielen verschrieben hat.

Vari Alovan

Aus der Sammlung Schriften des Bundes der Akademie für Gelehrte zu Metzarum
 


 

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